Beitrag in Jahrbuch 2013

Geschichte der Agrartechnik Geschichte der Landtechnik an der Universität Leipzig

Kurzfassung:

Setzt man den hoffnungsvollen Start der landtechnischen Lehre und Forschung an der Universität Leipzig im Jahre 1892 als Anfang, hätte das 100-jährige Jubiläum nach einer wechselvollen, teilweise sehr erfolgreichen Entwicklung im Jahre 1992 gefeiert werden können. Leider wurden die 100 Jahre nicht ganz erreicht, da zu diesem Zeitpunkt die Landtechnik an der Leipziger Universität praktisch schon nicht mehr existierte.

Volltext

Ein wechselvolles Jahrhundert landtechnischer Ausbildung und Forschung an der Universität Leipzig

Die 1409 gegründete Universität Leipzig ist nach Heidelberg die zweitälteste Universität der Bundesrepublik Deutschland. Bereits 1415 entstand die Medizinische und 1446 die Juristische Fakultät. Ab Mitte des 18. Jh. stand im Rahmen der Kameralistik auch die Landwirtschaftslehre auf dem Lehrprogramm. Ein landwirtschaftliches Institut wurde 1869 unter der Leitung von Adolph Blomeyer an der Philosophischen Fakultät eingerichtet. Sein Nachfolger Wilhelm Leopold Kirchner hat von 1890 bis 1920 als Institutsdirektor gewirkt und in dieser Zeit vor allem durch Erweiterung der Versuchsfelder und Ein wechselvolles Jahrhundert landtechnischer Ausbildung und Forschung an der Universität Leipzig

Klaus Krombholz, Stockach

Kurzfassung

Setzt man den hoffnungsvollen Start der landtechnischen Lehre und Forschung an der Universität Leipzig im Jahre 1892 als Anfang, hätte das 100-jährige Jubiläum nach einer wechselvollen, teilweise sehr erfolgreichen Entwicklung im Jahre 1992 gefeiert werden können. Leider wurden die 100 Jahre nicht ganz erreicht, da zu diesem Zeitpunkt die Landtechnik an der Leipziger Universität praktisch schon nicht mehr existierte.

Schlüsselwörter

Landtechnik, Lehre, Forschung

An eventful century of education and research in agricultural Engineering at the Leipzig University

Klaus Krombholz, Stockach

Abstract

If the hopeful beginning of agricultural engineering education and research at the Leipzig University is dated in 1892, they would celebrate the 100th anniversary after an eventful, sometimes very successful development in 1992. Unfortunately the hundred years were not reached, because the agricultural engineering practically no longer existed at the Leipzig University.

Keywords

Agricultural engineering, education, research

Ein wechselvolles Jahrhundert landtechnischer Ausbildung und Forschung an der Universität Leipzig

Die 1409 gegründete Universität Leipzig ist nach Heidelberg die zweitälteste Universität der Bundesrepublik Deutschland. Bereits 1415 entstand die Medizinische und 1446 die Juristische Fakultät. Ab Mitte des 18. Jh. stand im Rahmen der Kameralistik auch die Landwirtschaftslehre auf dem Lehrprogramm. Ein landwirtschaftliches Institut wurde 1869 unter der Leitung von Adolph Blomeyer an der Philosophischen Fakultät eingerichtet. Sein Nachfolger Wilhelm Leopold Kirchner hat von 1890 bis 1920 als Institutsdirektor gewirkt und in dieser Zeit vor allem durch Erweiterung der Versuchsfelder und Labors den Bereich Landwirtschaft ausgebaut. Mit Zunahme des Lehrumfanges entstanden zwei weitere Institute, die weiterhin Bestandteil der Philosophischen Fakultät waren. Erst 1951 wurde daraus eine eigenständige Landwirtschaftliche Fakultät gegründet, die auch das Promotions¬recht zum Dr. agr. erhielt.

Der Beginn der Landtechnik und die Ära „Strecker“

Mit dem Einstieg von Kirchner im Jahre 1890 kam es auch zur Genehmigung einer ersten „außerordentlichen Professur für Landwirtschaftliches Maschinen- und Meliorationswesen“, die jedoch erst 1892 mit Prof. Dr. phil. Dr.-Ing. h. c. August Otto Föppl besetzt werden konnte. Föppl hatte 1869-1874 an den Technischen Hochschulen Darmstadt, Stuttgart und Karlsruhe Bauingenieurwesen und Physik studiert und wirkte von 1877-1892 an der Gewerbeschule in Leipzig. Schwerpunkt seiner Lehraufgaben an der Universität war das Meliorationswesen. Bereits nach zwei Jahren folgte Föppl dem Angebot auf eine ordentliche Professur für technische Mechanik an der Technischen Hochschule München.

Sein Nachfolger wurde 1895 Prof. Dr. phil. Wilhelm Strecker. Als Sohn eines Ritterguts-besitzers absolvierte Strecker nach einigen Jahren Tätigkeit in der Landwirtschaft von 1878 bis 1883 an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf ein Studium in Naturwissenschaften, Kulturtechnik und Landwirtschaft. Es folgten kurze Weiterbildungs-aufenthalte in Holland und Belgien. 1884 ging Strecker an das Landwirtschaftliche Institut der Universität Göttingen. Dort promovierte er 1886 mit der Dissertation über die Stickstoff-anreicherung des Bodens beim Anbau von Leguminosen zum Dr. phil. Danach war er als Dozent für Bodenkunde, Bonitierung, Vermessungstechnik, Meliorationswesen, Wasserwirt-schaft, Grünland sowie landwirtschaftliche Maschinen- und Gerätekunde tätig. Neben der Lehre in Göttingen war er Geschäftsführer der vom dortigen landwirtschaftlichen Zentral-verein gegründeten Maschinen-Prüfungs-Station. 1888 übernahm Strecker Aufgaben bei der Kommission für Landeskultur in Kassel, ab 1890 war er Leiter einer Kommission für Kulturtechnik in Witzenhausen.

Sein Lehrauftrag am Landwirtschaftlichen Institut Leipzig erstreckte sich auf Bodenkunde, Grünlandlehre, Kulturtechnik und Maschinenkunde. Sein Wirken ist durch beispiellose Vielseitigkeit gekennzeichnet. Neben seiner Lehrtätigkeit leitete Strecker viele Jahre die Maschinen-Prüfstelle des Sächsischen Landeskulturrats. Aus diesem Bereich lieferte er über 100 Prüfberichte.

Viele der von ihm publizierten Schriften sind zum klassischen Bestand der Landwirtschafts-literatur zu zählen. Dazu gehören die jeweils in mehreren Auflagen erschienenen Werke „Die Kultur der Wiesen, ihr Wert, ihre Verbesserung, Düngung und Pflege“, „Feldmessen und Nivellieren“, „Vorbereitung und Bearbeitung des Bodens zur Pflanzenkultur“.

Zu den landtechnischen Publikationen zählt der 1909 erschienene Titel „Landwirtschaftliche Maschinen und Geräte“. Beiträge zur landtechnischen Entwicklung hat er unter anderem mit Lösungen zum Jauchedrill, zum Kartoffellegen, für Beregnungsanlagen sowie mit seiner Konstruktion eines „Maschinenpferdes“ als Zugmaschine geleistet.

Mit einer Amtsdauer von 32 Jahren war er einer der bedeutendsten Lehrer der Landwirt¬schaft an der Universität Leipzig. Als er 1927 der Emeritierung zustrebte, musste man für die von ihm vertretenen Lehrgebiete nach drei Nachfolgern suchen.

Die Landtechnik etabliert sich als eigenständiges Ordinariat

Nach der Emeritierung von Strecker erhielt das Institut für Landmaschinenlehre ein eigenes Ordinariat. Als ordentlicher Professor konnte Dr. phil. Hans Holldack das Erbe von Strecker antreten und weiterentwickeln.

Bild 1: Prof. Dr. Hans Holldack

Figure 1: Prof. Dr. Hans Holldack

Holldack hatte nach einer technischen Berufsausbildung von 1900 bis 1904 an der Universi¬tät Königsberg und an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin Landwirtschaft und an-schließend bis 1908 Ingenieur-Wissenschaften an der TH Danzig studiert.

Als Inhaber des Lehrstuhls und Direktor des Instituts für Landmaschinenlehre der Universität Leipzig war Holldack auch Direktor der Maschinen-Prüfungsstation der Sächsischen Land-wirtschaftskammer. Außerdem hatte er das Amt eines geschäftsführenden Direktors der Vereinigten Landwirtschaftlichen Institute der Universität Leipzig, einer Vorstufe der späteren Landwirtschaftlichen Fakultät.

An der Universität Leipzig arbeitete er weiter an den von ihm entwickelten Methoden der Bodenfräskultur und leistete damit einen Beitrag dafür, dass sich diese Art der Bodenbe-arbeitung vor allem im Gartenbau durchsetzte. Dem Institut gliederte er ein bodentechno-logisches Laboratorium an, an dem er die auf dem Gieshof begonnenen physikalischen Bodenuntersuchungen fortsetzte. Die enge Verbindung von Wissenschaft und Praxis und eine zeitnahe anschauliche Wissensvermittlung waren ein Hauptanliegen seines pädagogischen Wirkens, das sich auf die Studierenden und die praktisch tätigen Landwirte erstreckte.

Zahlreich sind die Veröffentlichungen Holldacks in Form von Flugschriften für die Praxis und Publikationen in den Zeitschriften, die vor allem maschinentechnische Fragen behandeln. Eine ganze Studentengeneration zehrte von seinem mehrfach aufgelegten Lehrbuch „Maschinenlehre für Landwirte“.

1933 schied er auf eigenen Wunsch aus, um einer Entlassung aus rassischen Gründen zuvorzukommen. Während dieser Unterbrechung hatte er 1935/1936 Professuren an Hoch-schulen im Iran wahrgenommen. Nach Kriegsende wurde Holldack 1945 durch die Universität Leipzig mit dem Status eines „Opfers des Faschismus“ in seiner ursprünglichen Funktion und mit Wiederherstellung der ihm zeitweilig entzogenen Rechte neu bestätigt.

Nach dem Ausscheiden von Holldack übernahm Dipl.-Ing. Walter Renard die Lehraufgaben. Renard hatte von 1924 bis 1929 an der TH Dresden Maschinenbau studiert und 1929 am Institut für Landmaschinenlehre seine Assistenz begonnen. 1935 übernahm er die Leitung der Maschinenberatungsstelle der Landesbauernschaft in Dresden. 1937 wurde Renard zunächst mit der kommissarischen Leitung des Institutes beauftragt und im gleichen Jahr zum außerordentlichen Professor ernannt. Bereits 1939 übernahm Renard Aufgaben der Reichsregierung in den besetzten Gebieten Polens und war ab diesem Zeitpunkt für das Institut nicht mehr wirksam.

Neubeginn und viele Interimslösungen

Nach seiner erneuten Amtsübernahme am 01.09.1945 bemühte sich Holldack im Zusam-menwirken mit Prof. Arland (Bereich Acker- und Pflanzenbau) um die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit der Landwirtschaftlichen Institute und den Aufbau einer Forschung, die mit bescheidenen Mitteln in den weitgehend zerstörten Institutsgebäuden auf dem Gebiet der Bodenbearbeitung begann. In diese Zeit fallen auch die ersten Versuche, für die Landtechnik mit dem Aufbau einer Versuchsstation in Markkleeberg die notwendigen Entwicklungsbe-dingungen zu schaffen, die 1946 jedoch scheiterten.

Holldack begrenzte sein Wirken nicht allein auf die Lehr- und Forschungsaufgaben auf dem Gebiet der Landtechnik. Er hatte immer die Entwicklung der gesamten Landwirtschaft im Blickfeld. In diesem Sinne nahm er um 1948 eine umfangreiche Vortrags- und Publikations-tätigkeit auf, wobei die Bodenfruchtbarkeit, die Anwendung technischer Arbeitsmittel und die Gestaltung der landwirtschaftlichen Ausbildung Schwerpunkte waren.

Die Jahre 1949/1950 widmete Holldack dem Vorhaben, der Landtechnikwissenschaft eine gesamtdeutsche Arbeitsbasis zu schaffen. In einer gesamtdeutschen Sitzung Land- und Forstwirtschaft in Eisenach wurde im Mai 1950 ein Gesamtdeutscher Ausschuss Technik gebildet. Holldack erhielt den Vorsitz. Durch die unterschiedliche politische Orientierung in Ost und West scheiterte dieses Unternehmen. Im August 1950 verstarb Holldack kurz vor Vollendung seines 71. Lebensjahres.

Eine adäquate Nachfolge für Holldack zu finden, ist zunächst nicht gelungen. So wurde Prof. Otto Rosenkranz, Direktor des Instituts für Betriebs- und Arbeitsökonomik Gundorf der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften und Direktor des Instituts für Landwirtschaftliche Betriebslehre an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, zusätzlich mit der kommissarischen Leitung des Instituts beauftragt. Die operative Lehr- und Forschungstätigkeit lag in der Hand von Dipl.-Ing. Franz Ruhnke, der seit 1951 als Assistent bzw. Oberassistent am Institut tätig war.

Neben seiner betriebs- und arbeitsökonomischen Lehr- und Forschungstätigkeit hat Rosen-kranz während der fünfjährigen kommissarischen Leitung auch dem Institut für Landma-schinenlehre eine grundlegende und fortbestehende Orientierung für die Forschung ge¬geben. So entstanden in dieser Zeit in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landmaschinen¬lehre auf dem Versuchsgut Gundorf ein Karussellmelkstand mit 8 Melkbuchten (der erste dieser Art in Europa) für einen offenen Laufstall, ein Tandem-Melkstand im Betrieb Kloster¬häseler, eine Hühner-Bodenintensivhaltung mit automatischer Kettenfütterung, eine Biogas¬anlage sowie eine Schrägrost-Trocknungsanlage für Grünfutter mittels Heißluft.

Am 15.10.1955 wurde Ruhnke mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Institutsdirektors beauftragt. Ruhnke hatte an der Technischen Universität Berlin Allgemeinen Maschinenbau studiert. Nach der Rückkehr aus englischer Kriegsgefangenschaft 1946 war er zunächst als Redakteur und danach bis 1951 für die Zentrale für Landtechnik Berlin tätig.

Von Ruhnke wurde die Themenvielfalt in der Forschung auf die „Bodentechnologie-Frästechnik“ und die Entmistungstechnologie konzentriert und das maschinelle Melken als neue Arbeitsrichtung aufgenommen. Er hat damit den Grundstein dafür gelegt, dass in der Folgezeit die Entwicklung der Milchgewinnungstechnik in der DDR maßgeblich von den Arbeiten des Instituts für Landmaschinenlehre der Universität Leipzig mitbestimmt wurde. Von Ruhnke stammen die ersten landtechnischen Lehrbriefe sowie Publikationen zum Antrieb stationärer landwirtschaftlicher Maschinen (1957), zu beweglichen Antrieben in Form von Zugmaschinen, Geräteträgern und selbstfahrenden Arbeitsmaschinen und zu Hilfsan¬trieben (1958). Sein Arbeitsverhältnis wurde durch das Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen 1957 mit fragwürdigen Begründungen beendet. Ruhnke war danach an der Ingenieurschule für Landtechnik Friesack tätig.

Als Kommissarischer Institutsdirektor war danach Prof. Dr. agr. habil. Herrmann Hensel eingesetzt. Er nahm diese Aufgabe neben seiner Dozentur (ab 1959 Professur) für Landwirtschaftslehre an der Veterinärmedizinischen Fakultät wahr. Die Arbeiten an den Forschungsschwerpunkten Mechanisierung der Tierproduktion, insbesondere die Bereiche Fütterung, Entmistung und Milchgewinnung konnten fortgesetzt werden. Bis Ende der 1950er Jahre ist so eine Vielzahl von Lösungen entstanden, die zu einem großen Teil in die industrielle Fertigung übernommen wurden. Dazu gehörten Entmistungseinrichtungen für Stallmist und Gülle in Form von Schleppschaufel- und Kratzerkettenelementen, Projektie-rungsunterlagen für die Schwemmentmistung, Elemente für gezogene und selbstfahrende Hof- und Stallarbeitsmaschinen, Futterverteilfahrzeuge, fahrbare Futtertische, mobile und stationäre Krananlagen und Stalldungstreuer.

Das Institut verfügte zu der Zeit im Mittel über 20 Mitarbeiter, darunter 6 Wissenschaftler. Die landtechnische Lehre konzentrierte sich im Rahmen des Direktstudiums auf die Ausbildung von Diplomlandwirten vorrangig für den Produktionseinsatz. Zusätzliche Belastungen ent-standen aus dem in Leipzig aufgenommenen Fernstudium für Landwirte, der Ausbildung von Agrarpädagogen sowie der Qualifizierung von Absolventen, speziell für den Einsatz in der tropischen und subtropischen Landwirtschaft. Einige landtechnische Lehrabschnitte erforderten den Einsatz zusätzlicher Gastdozenten.

Aufbruch der Landtechnik im Rahmen der Landwirtschaftlichen Fakultät

Das langjährige Provisorium in der Leitung des Instituts für Landmaschinenlehre wurde am 01.04.1963 mit der Berufung von Dr. agr. Erhardt Thum beendet, der neben der landwirtschaftlichen auch eine Ingenieurausbildung hatte.

Bild 2: Prof. Dr. agr. habil. Erhard Thum

Figure 2: Prof. Dr. agr. habil. Erhard Thum

Erhardt Thum, 1925 als Bauernsohn in Nordböhmen geboren, wurde nach deutscher und tschechischer Schulausbildung 1943 zur Wehrmacht eingezogen und war nach Kriegsende bis 1949 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Im Wechsel von Berufsausübung als Referent für Landwirtschaft/Maschineneinsatz in der Landesverwaltung Mecklenburg der MAS sowie als Agronom und Studium zum Diplomlandwirt an der Universität Halle sowie zum Diplom-Ingenieur für Maschinenbau in Leipzig folgte abschließend eine wissenschaftliche Aspirantur am Institut für Landmaschinenkunde der Universität Halle. 1961 erfolgte die Promotion zum Dr. agr. auf dem Gebiet der landtechnischen Instandhaltung. Thum sah eine vordringliche Aufgabe darin, die ungenügende räumliche und personelle Ausstattung des Instituts den anstehenden Erfordernissen anzupassen. Dazu gehörte, die Lehraufgaben mit eigenem qualifizierten Personal abzusichern und den Neubau eines Institutsgebäudes anzustreben. Mit einer Denkschrift machte er 1964 auf die Notsituation in Lehre und Forschung aufmerksam. Diese Denkschrift fand Zustimmung durch den Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät und auch die Unterstützung der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften. 1965 entstand daraus eine Vorlage für die zuständigen zentralen Organe, mit der insbesondere der Zustand der Landtechnik-Institute an den Universitäten Berlin, Halle, Jena und Leipzig verdeutlicht wurde.

Im Ergebnis dieser Aktivitäten konnte zumindest die personelle Situation in kurzer Zeit wesentlich verbessert werden. Die Zahl der Mitarbeiter stieg in den 1960er Jahren im Mittel auf über 30, darunter 12 Wissenschaftler. Bis Ende der 1960er Jahre erfolgten 12 Promotionen und zwei Habilitationen. Außerdem absolvierten mehrere Wissenschaftler als Grundlage für ihre technisch orientierte Lehr- und Forschungstätigkeit ein maschinen-bautechnisches Zusatzstudium.

Auf dem Gebiet der Forschung wurden neue Formen wirksam, die unter anderem durch Kooperationsbeziehungen mit der Landmaschinenindustrie sowie Betrieben und Einrichtun¬gen der Landwirtschaft geprägt waren. Diese Partner stellten zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung und beteiligten sich mit Bau- und Werkstattkapazitäten an den Arbeiten sowie mit Personal an Versuchsdurchführungen. Sie waren dann auch meist die Erstanwender der Ergebnisse.

So konnten auch in der Forschung beachtliche Ergebnisse erreicht werden. Dazu gehörten: Die technische Instandhaltung mit Traktorenprüfdienst, die Futterverteilung für Schweine sowie die Stalldung- und Gülletechnik vom Stall bis zum Feld. Ferner die teilautomatisierte Milchgewinnung mit der Entwicklung des Physiomatik-Systems sowie der Aufbau der Lehr- und Forschungsgruppe Landtechnik in den Tropen und Einrichtung einer Landmaschinen-Teststation in Ägypten.

Das Institut für Landmaschinenlehre wurde 1965 in Institut für Landtechnik umbenannt.

Für einen Neubau lagen Zustimmung und Projekt in der Form vor, dass für die gesamte Landwirtschaftliche Fakultät am Standort Probstheida/Russenstraße ein entsprechender Komplex entstehen sollte. Die erste Ausbaustufe war für die Landtechnik, Bautechnik und Technologie vorgesehen. Die Ansiedlung aller weiteren landwirtschaftlichen Institute sollte folgen. Eine Umsetzung dieses Bauvorhabens wurde in Verbindung mit der Hochschulreform und den damit entstandenen neuen Strukturen verhindert.

Rückschläge mit der Hochschulreform nach 1970

Ende der 1960er Jahre gab es im Hochschulwesen der DDR umfassende Veränderungen, zu denen unter anderem die Auflösung der Fakultäten und Institute als Struktureinheiten und die Bildung von Sektionen und Wissenschaftsbereichen gehörte. An der Universität Leipzig entstand aus der Landwirtschaftlichen und der Veterinärmedizinischen Fakultät die Sektion Tierproduktion und Veterinärmedizin, die in Fach- und Wissenschaftsbereiche untergliedert war. Das frühere Institut für Landtechnik wurde als Wissenschaftsbereich „Maschinen¬technik“ dem Fachbereich „Technologie“ zugeordnet.

Die für die landtechnischen Forschungsschwerpunkte auf dem Gebiet der Mechanisierung der Stallarbeiten und Milchgewinnung an sich günstige Konstellation kam jedoch nicht zur Wirkung. Eine von Tierzüchtern dominierte Sektionsleitung setzte andere Schwerpunkte und hob die bisherige Funktion und Arbeitsweise für die Landtechnik auf. Mittels politisch-ideologischer Attacken versuchte man den Ordinarius Thum in seinem Wirken zu demontieren und aus der Forschung zu verdrängen. Dem daraufhin von Thum 1972 avisierten Ausscheiden aus der Universität Leipzig wurde aber nicht stattgegeben. Die bisherigen Forschungsarbeiten reduzierten sich auf die Milchgewinnung, die Dr. agr. Wehowsky weiterführte. Der andere Teil der Landtechnik wurde dem Bereich tropische und subtropische Landwirtschaft zugeordnet und konnte dort als Wissenschaftsbereich Land-technik von Dr. agr. Peipp ausgebaut werden.

Bild 3: Kombimatik-Melkzeug am Kuheuter (links) und die automatische Nachmelk- und Melkzeugabnahmeeinrichtung (rechts)

Figure 3: Kombimatik-milking unit on cow’s udder (left) and the automatic equipment for post-milking ad the removal oft he milking (right)

Ungeachtet der eingeschränkten Bedingungen in der Forschung wurde unter der Regie von Thum die landtechnische Ausbildung der Studenten der Landwirtschaftswissenschaften und Veterinärmedizin unter räumlich begrenzten Bedingungen relativ stabil gesichert. Dabei musste gelegentlich auch auf Gastdozenten zurückgegriffen werden. Durch die dynamische Entwicklung der Landtechnik, vor allem auch der Tierproduktion, war eine ständige Aktuali-sierung der Lehrprogramme und -materialien erforderlich. Dazu hat dieser Bereich unter anderem eine geschlossene Reihe von Lehrbriefen erstellt. 1985 erschien das unter Federführung von Thum erarbeitete Hochschullehrbuch „Maschinen und Anlagen der Tierproduktion“. Vertreten wurde die Landtechnik durch Thum als Mitglied im Forschungsrat der DDR, in den Beiräten der Ministerien für Wissenschaft und Technik sowie Hoch- und Fachschulwesen und der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften.

Die in den 1960er Jahren am Institut für Landtechnik erzielten Forschungsergebnisse zur Mechanisierung der Milchgewinnung kamen als erstes teilautomatisiertes Melksystem (mechanisiertes Anrüsten und milchstromabhängiges Nachmelken sowie Abschalten am Milchflussende) bei den IMPULSA-Fischgräten- und Karussellmelkanlagen unter der Bezeichnung „Physiomatic“ in der DDR zur breiten Anwendung. In den 1970er Jahren fanden diese Leistungen zunächst keine Fortsetzung. Zur Überwindung der Situation wurde Ende der 1970er Jahre unter Leitung von Prof. Thum eine Applikations- und Forschungs¬gruppe „Automatisierung der Milchgewinnung“ geschaffen. Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit von Thum war das Melksystem „Kombimatik“, das erstmalig eine Teilautomatisierung des Melkens auch bei Rohrmelkanklagen ermöglichte. Es umfasste das Stimulieren des Milch-ejektionsreflexes mittels alternierender Pulsationsfrequenz und statt des Nachmelkens ein milchstromabhängiges Ausmelken und Abschalten. Dieses APF-Verfahren wurde Standard-element der in der Folgezeit vom Anlagenbau IMPULSA Elsterwerda gefertigten Melkanlagen.

Die räumlichen Bedingungen konnten erst Ende der 1980er Jahre durch das Aufsetzen einer zweiten Etage auf den barackenartigen Basisbau etwas verbessert werden. Prof. Dr. agr. habil. Dipl.-Ing. Erhardt Thum wurde zum 31.08.1990 planmäßig emeritiert.

Nachgeschichte

In Folge der politischen Veränderungen wurde bereits im April 1990 die Sektion Tierproduk-tion und Veterinärmedizin der Universität Leipzig aufgelöst und damit das Ende der Agrarwissenschaften an der Universität Leipzig eingeleitet. Thum hatte als Vorsitzender des Ältestenrates der Sektion am 24.04.1990 diese historische Amtshandlung zu leiten.

Bild 4: Institut für Landtechnik (Hofseite) in der Johannisallee 19 im Jahr 1992

Figure 4: Institute of Agricultural Engineering (courtyard) in the Johannisallee 19 in 1992

Zuvor war Prof. Dr. agr. habil. Fritz Tröger von der Sektionsleitung auf den noch nicht vakanten Lehrstuhl für Landtechnik berufen worden. Als Landwirtschaftswissenschaftler war es Tröger nicht gelungen, die Landtechnik unter den veränderten Bedingungen an der Universität Leipzig zu erhalten, so dass er bis 1993 vor allem mit der Auflösung dieser Einrichtung befasst war. Diese Aufgabe wurde von Prof. Dr. agr. habil. Gerhard Schleitzer bis zum endgültigen Ende im Jahre 1996 fortgesetzt.

Schlagworte:
Landtechnik, Lehre, Forschung
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Krombholz, Klaus: Geschichte der Landtechnik an der Universität Leipzig. In: Frerichs, Ludger (Hrsg.): Jahrbuch Agrartechnik 2013. Braunschweig: Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge, 2014. – S. 1-10

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