Beitrag in Jahrbuch 2014

Geschichte der Agrartechnik Die Entwicklung der pneumatischen Sätechnik

Kurzfassung:

Das Accord Pneumatic‑System – Saatgut zentral zu dosieren und nur mit dem Luftstrom durch ein Wellrohr gleichmäßig auf die Säschare zu verteilen – war eine bahnbrechende Innovation in der Sätechnik. Mit diesem neuen Säsystem brachte Accord 1968 die ersten pneumatischen Drillmaschinen in Arbeitsbreiten von 5 m bis 7 m auf den Markt. Bereits 1971 baute Connor Shea in Australien mit Accord Pneumatic‑Komponenten den ersten Air Seeder in 10 m Arbeitsbreite. Das Pneumatic‑System wurde die Basis für völlig neue Säverfahren: Arbeitszeit und Energieaufwand reduzierten sich um mehr als 60 %, gleichzeitig wurden Windund Wassererosion verhindert. Anfang der 1980er‑Jahre folgte die zweite Generation Accord Pneumatic‑Drillmaschinen in einer neuartigen Modulbauweise. Anwender, wie Dutzi, Horsch, J. Deere und Väderstad, bauten mit diesen Modulen ihre speziellen pneumatischen Säkombinationen. Heute wird das Accord Pneumatic‑System von mehr als 40 Firmen in der Welt für ihre vielfältigen Säkombinationen genutzt.

Volltext

Die Erfindung der pneumatischen Verteilung

Der Engländer James Cook baute 1785 die erste brauchbare Drillmaschine. Sein Prinzip –

Saatgut durch einzelne Säräder zu dosieren und in Reihen zu »drillen« – wird auch heute

noch bei mechanischen Drillmaschinen genutzt. Die Entwicklung von pneumatischen Drillmaschinen

ist eng mit dem Unternehmen Weiste verbunden. Auf der Suche nach besseren

Lösungen für größere Arbeitsbreiten entwickelten Heinrich Weiste und sein Sohn Helmut ein

neues Säsystem, das sie das ACCORD PNEUMATIC‑System nannten.

Dieses System war eine ähnliche Revolution in der Sätechnik wie der Mähdrescher in der

Erntetechnik – konnten doch mehrere Arbeitsgänge mit einer Maschine gleichzeitig erledigt

werden. Darüber hinaus ermöglichten die zentrale Dosierung und pneumatische Verteilung

völlig neue Dünge‑ und Säverfahren. Herzstück war der Pneumatic‑Verteiler, für den am

21. April 1966 das Patent [1] erteilt wurde. Die Grafiken zeigen das Funktionsschema des

Accord Pneumatic-Systems (Bild 1) und den Pneumatic-Verteiler mit dem Wellrohr zur

Zerstreuung des Körner-Luftstroms (Bild 2).

Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten wurden im Oktober 1966 auf einem internationalen

Feldtag vorgeführt: elf verschiedene Prototypen zur pneumatischen Verteilung von Saatgut

und Dünger in Arbeitsbreiten von 5 m bis 15 m. Eine der Anwendungen war der Unimog mit

zwei Tanks auf der Ladepritsche und 2 x 5 m Scharschienen an einer Kuppelbrücke (Bild 3).

Bild 1: Funktionsschema des Accord Pneumatic-Systems

mit Gebläse (1), Dosiergerät (2), Verteiler (5),

Saatschläuchen (6), Säscharen (7) [2].

Figure 1: Schema of Accord Pneumatic-System with

fan (1), metering device (2), distributor (5),

seed hoses (6), seed coulters (7) [2].

Bild 2: Pneumatic-Verteiler

mit Förderleitung (3)

und Wellrohr (4) [2].

Figure 2: Pneumatic‑distributor

with delivery line (3) and

corrugated tube (4) [2].

Bild 3: 10 m‑Pneumatic‑Drillmaschine [2].

Figure 3: 10 m‑Pneumatic‑drill [2].

Bild 4: 5 m‑Pneumatic‑Drillmaschine [2].

Figure 4: 5 m‑Pneumatic‑drill [2].

In nur 18 Monaten wurde die Entwicklung einer 5 m‑Pneumatic‑Drillmaschine und eines

10 m‑Pneumatic‑Düngerstreuers aus dem Boden gestampft – einschließlich der großen

Werkzeuge für die neuen pneumatischen Baugruppen. Schon 1968 brachte Accord diese

Maschinen serienmäßig auf den Markt:

●● Die erste pneumatische Anbau‑Drillmaschine in Arbeitsbreiten von 5 m und 6 m (Bild 4).

●● Den ersten pneumatischen Düngerstreuer in einer Arbeitsbreite von 10 m. Er machte

das exakte Anschlussfahren beim Düngen und Spritzen möglich. Hierbei wurden

Säschare gesperrt, um unbesäte Fahrgassen zu erzeugen. Damit führte Accord das

Fahrgassensystem ein.

Doch die schnelle Markteinführung hatte einen hohen Preis. Viele pneumatische Düngerstreuer

mussten zurückgenommen werden, denn Förderleistung und Verteilung mit den

einfachen Pralltellern reichten nicht aus. Beanstandungen über eine schlechte Verteilung bei

den 6 m‑Drillmaschinen mit Ober‑ und Unterverteilern kamen hinzu. Die Zeit für Entwicklung

und Erprobung dieser Maschinen mit einem grundlegend neuen System war viel zu kurz

gewesen. Schonungslos wurden die Schwachstellen und Wissenslücken durch den Einsatz

der Serienmaschinen beim Kunden aufgedeckt. Der Ruf des Pneumatic-Systems stand auf

dem Spiel. Um die Ursachen zu erforschen, wurden umfangreiche Versuchsreihen gefahren.

Die offensichtlichen Ursachen der schlechteren Verteilungsgenauigkeit bei den Pneumatic‑

Drillmaschinen waren der Verschleiß des Kunststoff‑Wellrohres und der Abfall der Gebläsedrehzahl

am Hang sowie Fluchtungsfehler der Leitungen. Eine wesentliche, aber nicht sichtbare

Ursache wurde erst nach intensiver Erforschung der Zwei-Phasen-Strömung entdeckt.

Mit einem Stroboskop konnte man sehen, wie der Körnerstrom in wendelförmigen Flugbahnen

entlang der Rohrwand strömte. Dieser Drall‑Effekt trat in der Förderleitung verstärkt auf,

wenn die Bögen mit ihren Krümmungsebenen zueinander verdreht lagen. In diesen verdrehten

Krümmungen der Schlauchleitungen zu den Unterverteilern fuhr der Körnerstrom regelrecht

»Achterbahn«. Aufgrund dieser Erkenntnis entwickelte Helmut Weiste strömungstechnische

Lösungen für eine bessere Verteilung des Körner-Luft-Stroms [3]. Im Oktober 1971 hielt

er einen Vortrag auf der VDI‑Landtechnik Tagung in Braunschweig über die Erfahrungen mit

der pneumatischen Sätechnik [4].

Am Institut für Landtechnik der Uni Bonn wurden 1971 Untersuchungen über die Verteilungsgenauigkeit

bei pneumatischen Drillmaschinen durchgeführt [5]. Die Ergebnisse wiesen

größere Ungenauigkeiten bei Hanglagen und höherer Gutbeladung nach. Das hielt die Hersteller

mechanischer Drillmaschinen lange davon ab, in die pneumatische Sätechnik einzusteigen.

Bei diesen Untersuchungen wurden allerdings nicht die Accord Pneumatic‑Verteiler

verwandt und die Leitungsbögen hatten die oben beschriebene nachteilige Anordnung.

J. Mahlstedt untersuchte 1971 die pneumatische Breitsaat von Getreide und ermittelte in

Feldversuchen einen Mehrertrag von 7,6 % gegenüber Drillsaaten mit 15 cm Reihenweite [6].

Air Seeder in Australien ab 1971 und Nordamerika ab 1980

Die Firma Connor Shea in Melbourne erkannte die Chancen der pneumatischen Sätechnik

für den Getreideanbau in Australien. Mit Accord Pneumatic‑Komponenten baute sie 1971 den

ersten Air Seeder der Welt (Bild 5). Dieser Sä‑ / Düngekultivator brachte Saat und Dünger

unter Flügelscharen als Direktsaat im Boden des Stoppelackers aus.

Arbeitszeit und Energiebedarf schrumpften um bis zu 60 % gegenüber konventioneller Bestellung.

Hinzu kamen die ökologischen Effekte, die Verhinderung der Wind‑ und Wassererosion.

Aus diesen Gründen erreichten die Air Seeder in Australien nach 10 Jahren einen Marktanteil

von 65 %. In Nordamerika fand die pneumatische Sätechnik erst in den 1980er‑Jahren eine

breitere Anwendung. In einem Artikel der Zeitschrift Implement & Tractor vom 21. November

1980 wurden die Air Seeder von 12 Anbietern beschrieben, überwiegend kanadische und

australische Firmen, die das Accord Pneumatic‑System kopiert hatten. Friggstad (Bild 6) und

John Deere hatten ihre Air Seeder mit Beratung und Komponenten von Accord entwickelt.

Die Universität Saskatchewan veranstaltete im Juni 1990 in Regina ein internationales

Symposium über pneumatische Sätechnik [8]. Auf dieser Konferenz wurde erstmals die

Entwicklung und Anwendung pneumatischer Sätechnik umfassend dargestellt und erörtert.

Wissenschaftler und Ingenieure berichteten über die unterschiedlichen Anbauverfahren und

den Einsatz der Air Seeder auf drei Kontinenten – Nordamerika, Australien und Europa.

Zum Abschluss der Konferenz zeigten 13 Hersteller ihre Air Seeder auf dem Feldtag im

Einsatz. Neben lokalen Entwicklern waren bekannte Firmen vertreten: Bourgault, Concorde,

Flexi-Coil, Great Plains, Hiniker, J.I. Case, John Deere und Morris. Mit Ausnahme von Morris

waren alle Maschinen mit Pneumatic‑Verteilern ausgerüstet, so wie sie von Accord auf dem

Feldtag 1966 erstmals vorgestellt worden waren. Es wurde eine Vielfalt von Anwendungen für

unterschiedliche Boden‑ und Klimaverhältnisse gezeigt:

●● Air Seeder von 6 m bis 22 m Arbeitsbreite für kombinierte oder getrennte Ausbringung

von Saatgut und Dünger. Die Dosiergeräte konnten für jede Verteilersektion zu‑ oder

abgeschaltet werden.

●● Neue Formen von Säscharen: 30 cm Breitsäschare, 10 cm Bandsäschare oder 2 cm

schmale Meißelsäschare. Der Dünger konnte neben oder unter der Saatreihe abgelegt

werden.

●● Die Tankwagen konnten vor oder hinter den Säkultivatoren angeordnet werden und hatten

Füllvolumen von 3000 l bis 6000 l Saatgut und Dünger. Die Förderleistung mit Drucktanks

war doppelt so groß wie mit Injektorschleusen und ermöglichte Fahrgeschwindigkeiten

bis zu 16 km/h.

●● Als Option wurde die gleichzeitige Verteilung von Herbizid‑Feingranulaten angeboten.

separater Ausbringung von Saatgut und Dünger (Bild 7). Daneben ist ein Zinkensäschar

abgebildet, mit dem das Saatgut in einer Doppelsäreihe und der Dünger 2,5 cm tiefer in einer

Reihe dazwischen abgelegt wird (Bild 8).

Der Säkultivator ist hinter dem Tankwagen angeordnet und wird vorn durch Stützräder

und hinten durch Andruckrollen in der Tiefe geführt (Bild 9). Die Anordnung des Säkultivators

direkt hinter dem Schlepper mit nachlaufendem Tankwagen ermöglicht eine bessere

Sichtkontrolle (Bild 10).

Flexi-Coil wurde mit seinen umfangreichen Entwicklungen in den 1990er‑Jahren zum

führenden Hersteller von Air Seeding Technologie. Bei einem Besuch im März 1998 in

Saskatoon erklärte Terry Summach, Inhaber von Flexi‑Coil, den Erfolg seiner Entwicklung so:

»Erhöhte Effizienz und verbesserte Keimung sind zwei wesentliche Gründe für die stark steigende

Zahl von Farmern, die Minimum‑ und No‑Till‑Säsysteme übernehmen. Air Drills machen

inzwischen 77 % unseres Umsatzes aus. Sie gewährleisten mit ihren speziellen Säscharen

eine gute Keimung der Saat auf trockenen Böden.« Wenige Monate nach diesem Besuch

musste sich Flexi‑Coil an eine starke Rezession im Landmaschinenmarkt Nordamerikas

anpassen. Einige hundert Mitarbeiter wurden entlassen und drastische Kostensenkungen

durchgeführt. Am 4. Januar 2000 schloss Terry Summach einen Übernahmevertrag mit CNH

(Case New Holland), um das zu sichern, was er mit seinen Mitarbeitern aufgebaut hatte.

CNH vertreibt die Air Seeding Produkte weiter unter der Marke Flexi‑Coil.

Zweite Generation Accord Pneumatic-Drillmaschinen ab 1977

In der klein strukturierten Landwirtschaft Europas wurden von den 5 m bis 7 m breiten Accord

Pneumatic‑Drillmaschinen der ersten Generation nur kleine Stückzahlen verkauft. Nicht einer

der etablierten Drillmaschinenhersteller engagierte sich in pneumatischer Sätechnik. Sie boten

weiterhin nur mechanische Drillmaschinen an. Erst die 1977 eingeführte DL‑Modulbauweise

brachte in den 1980er‑Jahren den Durchbruch für das Accord Pneumatic‑System.

Neuartige Bauformen pneumatischer Drillmaschinen wurden entwickelt. Nach den Anbau-

Drillmaschinen DL und DT kamen die Aufsattel-Drillmaschinen DA und DA‑S und dann die

Fronttank-Drillmaschinen DF‑1 und DF-2.

Die DL‑Drillmaschinen waren kleiner und preiswerter als die Accord‑Drillmaschinen der ersten

Generation und durch die senkrechte Injektorschleuse viel exakter in der Korn‑Verteilung.

Der Variationskoeffizient halbierte sich auf VK = 2 – 4 %. Das DL‑Modul war eine kompakte

Einheit aus Gebläse, senkrechter Injektorschleuse, Zellenrad-Dosiergerät, Stahlwellrohr und

Verteiler (Bild 11). Einzigartig war die Konstruktion im Baukastensystem mit einheitlichem

Säwagen, Rädern in der Schlepperspur und austauschbaren Scharschienen, die für den

Straßentransport eingeklappt werden konnten (Bild 12).

Das Modulsystem war auch ein erheblicher Vorteil für Produktion, Montage und Lieferzeiten.

Die vorgefertigten Baugruppen wurden erst in der Endmontage nach Kundenwunsch zusammengefügt.

Das bedeutete kurze Lieferzeiten von zwei bis vier Wochen.

Die DL‑Drillmaschinen kamen 1977 auf den Markt in Arbeitsbreiten von 2,5 m, 3 m, 3,33 m,

4 m und 4,5 m. Die DT‑Drillmaschinen mit zwei Tankeinheiten lösten dann 1979 die breiten

Drillmaschinen der ersten Generation ab, mit Arbeitsbreiten von 5 m, 6 m, 6,66 m und 8 m.

Anfang der 1980er‑Jahre kam das Drillen in Kombination mit Kreiseleggen auf. Hier bot die

Pneumatic große Vorteile. Bei den DA‑Drillmaschinen wurde der Saatguttank über der Kreiselegge,

vor den Scharen angeordnet, sodass sich ein wesentlich geringerer Schwerpunktabstand

ergab (Bild 13). Mittels der Dreiecks-Schnellkupplung konnten die DA-Drillmaschinen

auf Kreiseleggen verschiedener Marken leicht »aufgesattelt« werden.

Weitere Vorteile: Der Landwirt benötigte wegen des geringen Schwerpunktabstandes der

Kombination keinen größeren Schlepper. Das Zellenrad-Dosiergerät brachte die eingestellte

Aussaatmenge – auch bei den Vibrationen der Kreiselegge – immer exakt aus. Die erste Serie

der DA‑Drillmaschinen wurde 1982 ausgeliefert, in Arbeitsbreiten von 2,5 m, 3 m und 4 m.

Bei der Vorstellung des Pneumatic‑Systems im Jahr 1966 waren die Saatguttanks schon

getrennt von den Säscharen auf dem Schlepper angeordnet. Erst 20 Jahre später ergab sich

für diese getrennte Anordnung ein Bedarf am Markt. Bei 4 m und 6 m breiten Säkombinationen

wurde die Last auf den Hinterrädern des Traktors sehr groß. Tiefe Fahrspuren und

schädliche Bodenverdichtungen waren die Folge. Deshalb war die gleichmäßige Gewichtsverteilung

durch die aufgelöste Bauweise die ideale Lösung. Da mittlerweile viele Traktoren

mit Frontkraftheber und Frontzapfwelle ausgestattet wurden, stand ein genormter Anbauraum

vorn am Traktor zur Verfügung. Den nutzte Accord bei der Konstruktion der DF‑Drillmaschine

für den Fronttank (Bild 14). Jetzt hatte der Landwirt auch die Möglichkeit, Säkombinationen

mit unterschiedlichen Bodenbearbeitungsgeräten nach seinen Wünschen frei zusammenzustellen.

Im Jahr 1986 kamen die DF‑1‑Drillmaschinen mit einem Verteilersystem für 3 m und

4 m Arbeitsbreite und 1989 die DF-2‑Drillmaschinen mit zwei Verteilersystemen für Breiten

von 4,5 m, 5 m und 6 m auf den Markt.

Die Aufsattel-Drillmaschinen hinterlassen ein ebenes Saatbett ohne Radspuren (Bild 15).

Mit dem Fronttank werden kompakte, klappbare Säkombinationen realisiert, die den Traktor

als Trägerfahrzeug optimal nutzen (Bild 16).

Bild 14: DF‑Fronttank entlastet die Hinterachse [2].

Figure 14: DF‑front hopper reduces load of rear axle [2].

Bild 13: DA auf Kreiselegge [2].

Figure 13: DA on a power harrow [2].

Bild 15: 4 m‑DA auf Rabe Kreiselegge [2].

Figure 15: 4 m‑DA on Rabe power harrow [2].

Bild 16: 6 m‑DF‑2 mit Kreiselegge [10].

Figure 16: 6 m‑DF‑2 with power harrow [10].

Anwender des Accord Pneumatic-Systems in Europa 1980 bis 1990

Anfang der 1980er‑Jahre hatte Accord als alleiniger Anbieter pneumatischer Drillmaschinen

nur einen Anteil von 2 – 3 % am Markt. Um die pneumatische Sätechnik und deren Möglichkeiten

im Markt bekannter zu machen, wurden Accord Pneumatic-Bauteile an Anwender

geliefert. Das waren anfangs Landwirte, die damit ihre Ideen für spezielle Säkombinationen

verwirklichten.

Erster Pneumatic‑Anwender war 1978 Claus Lutz, der die von ihm entwickelte pfluglose

Bestellmaschine »Justus« in der Firma Info-agrar herstellen ließ (Bild 17). Vicon kam

1981 mit dem »Octopus« und Michael Horsch folgte 1982 mit dem »Sä‑Exaktor« (Bild 18).

1984 übernahm Dutzi die Produktion und Vermarktung der Justus-Maschinen, nachdem KHD

den Vertrag mit Info-agrar gekündigt hatte. Schließlich baute auch Rau 1986 den »Rotosem«

mit Accord Pneumatic-Bausätzen. Diese Strategie brachte in den 1980er‑Jahren schnell

steigende Umsätze sowohl für Accord als auch für die Anwenderfirmen.

Der Erfolg und die Durchsetzung der pneumatischen Sätechnik ist auch ein Resultat der

konstruktiven Zusammenarbeit mit Anwender-Firmen. Know-how Austausch und Kreativität

auf beiden Seiten schufen die Vielzahl der spezifischen Säkombinationen, die bis heute dem

Landwirt angeboten werden.

Zu den Accord Pneumatic-Drillmaschinen wurden viele neue Ausrüstungen entwickelt:

Saatmengen-Verstellung, Micro-Dosierung für Feinsaaten, Säschare für Band‑ und Breitsaat

und das CX-Säschar. CX steht für die ungewöhnliche Kombination einer konvexen Stahlscheibe

und einer flexiblen Kunststoffscheibe mit versetzten Drehachsen. Durch das Walken

wird ein Anbacken und Blockieren der Scharscheiben verhindert.

Bei der Anwendung der Elektronik in Sämaschinen war Accord zweifellos Pionier. Schon 1980

wurde die erste elektronische Fahrgassenschaltung mit Magnetklappen eingeführt. 1990

folgte die Elektronische Sämaschinen Kontrolle (ESC). Mit ESA brachte Accord dann 1998

den elektronisch geregelten Sämaschinenantrieb, der mit GPS‑Anbindung erstmals eine

teilflächenspezifische Aussaat ermöglichte.

Anbieter pneumatischer Sätechnik in Europa 1990 bis 2012

Mit der Zweiten Generation Accord Pneumatic‑Drillmaschinen konnte bis Ende der

1980er‑Jahre der Marktanteil beachtlich gesteigert werden, auf fast 20 %. Das war wohl

der Hauptgrund, dass nun mehr Wettbewerber in die pneumatische Sätechnik einstiegen.

Auf der Agritechnica 1991 präsentierten zuerst zwei führende Hersteller von Kreiseleggen,

Lely und Rabe, ihre eigenen pneumatischen Aufbau-Drillmaschinen. Beide Firmen hatten in

den Vorjahren Accord Aufbautanks bezogen. Zur Agritechnica 1993 folgten Amazone und

Hassia – 25 Jahre nach der ersten pneumatischen Drillmaschine von Accord. Neben diesen

etablierten Drillmaschinenherstellern

stiegen weitere Kreiseleggen-Hersteller in die pneumatische

Sätechnik ein: Kuhn/Rauch, Howard, etwas später auch Lemken und Maschio.

Im Jahr 1999 gab es neben Accord 20 Anbieter pneumatischer Sätechnik. Die Zahl der Wettbewerber

stieg von 1993 – 1999 von 3 auf 16 (Bild 19). Diese 16 Anbieter pneumatischer

Drillmaschinen waren: Amazone, Fiona, Galucho, Gaspardo, Howard, Kuhn, Lely, Lemken,

Mistral, Nordsten, Rabe, Rauch, Roger, Sulky, Vogel & Noot, Kongskilde. Die Anzahl der

Anwender, die mit Accord Pneumatic-Komponenten beliefert wurden, sank im gleichen Zeitraum

von 8 auf 4 Firmen: Dutzi, Horsch, John Deere und Väderstad. Die Zahl der Hersteller

pneumatischer Drillmaschinen in Europa stieg bis zum Jahr 2012 auf 24 Firmen an. Nach der

VDMA-Landtechnik Statistik [8] ist der Absatz pneumatischer Drillmaschinen und Säkombinationen

in Europa von 30 % im Jahr 2000 auf 50 % im Jahr 2012 gestiegen (Bild 20).

Für die riesigen Anbauflächen in Osteuropa, der Ukraine und Russland entwickelten die Firmen

immer breitere pneumatische Drillmaschinen für die pfluglose Bestellung. Mit speziellen

Scheibenscharen für Mulchsaat oder Zinkensäscharen für die Direktsaat wurden mit Fahrgeschwindigkeiten

von 15 km/h enorme Flächenleistungen bis zu 35 ha/h erzielt. Als Beispiel für

den Stand der Entwicklung im Jahre 2012 sind unten pneumatische Großflächen‑Drillmaschinen

der Firmen Kverneland Accord (Bild 21) und Horsch (Bild 22) abgebildet.

Heute wird weltweit der größte Teil der Getreideanbauflächen pneumatisch gesät: in den

Großbetrieben Europas über 50 %, bis zu 80 % in Nordamerika und fast 100 % in Australien.

Die wesentlichen Gründe dieser breiten Anwendung sind vor allem die großen ökonomischen

und ökologischen Vorteile bei der Aussaat mit pneumatischen Säkombinationen.

Die Entwicklung der pneumatischen Sätechnik und die Markteinführung sind ausführlich

dargestellt im Buch »Das ACCORD PNEUMATIC-System – Von der Erfindung zur weltweiten

Anwendung« [14].

Zusammenfassung

Das Accord Pneumatic-System war eine bahnbrechende Innovation in der Sätechnik und

ermöglichte völlig neue Dünge- und Säverfahren. Der Einsatz dieser neuen Sätechnik in

Europa, Australien und Amerika führte zur Entwicklung einer Vielzahl unterschiedlicher

Anwendungen – bis hin zu den Air Seedern. Diese Säkultivatoren waren ein Quantensprung

für die rationelle Bestellung großer Anbauflächen von Getreide. Damit wurden Arbeitszeit und

Energieaufwand um mehr als 60 % reduziert und gleichzeitig die Wind- und Wassererosion

des Bodens verhindert.

Literatur

[ 1] Patent DE 1 287 350: Vorrichtung zum Einbringen von Korn und/oder von körnigem Dünger in den Boden.

[2] Archiv Accord-Weiste, Soest.

[3] Patent DE 22 56 939: Vorrichtung zum Säen von Korn.

[4] Weiste, H.: Erfahrungen mit der pneumatischen Sätechnik. Grundl. Landtechnik Bd. 22 (1972) Nr. 2, S. 39 f.

[5] Mahlstedt, J., u. H. J. Heege: Die pneumatische Zuteilung von Getreide in Sämaschinen. Grundl. Landtechnik Bd. 22 (1972) Nr. 2, S. 33/38.

[6] Mahlstedt, J.: Pneumatische Saatgutzuteilung bei Sämaschinen für die Getreidbreitsaat. Diss. Universität Bonn 1971.

[7] Connor Shea, Melbourne, Australien.

[8] Air Seeding '90 – Proceedings of an international symposium on pneumatic seeding for soil conservation systems in Dryland Areas. Extension Division, University of Saskatchewan 1990.

[9] Flexi-Coil, Saskatoon, Kanada.

[10] Archiv Kverneland-Accord, Soest.

[11] Info-agrar, Oberndorf.

[12] Horsch, Schwandorf.

[13] VDMA Fachverband Landtechnik: Daten aus der Europäischen Statistik für die Produktgruppe Drillmaschinen.

[14] Weiste, H.: Buch »Das ACCORD PNEUMATIC-System – Von der Erfindung zur weltweiten Anwendung«, ISBN 978-3-7843-5278-7. Das englische Buch kann über die Website www.weiste.net bezogen werden.

Schlagworte:
Accord Pneumatic-System, Air Seeder, Modulbauweise, elektronische Kontrolle, CX-Säschar
Zitierfähige URL:
Kopieren Link aufrufen
Empfohlene Zitierweise:
Weiste, Helmut: Die Entwicklung der pneumatischen Sätechnik. In: Frerichs, Ludger (Hrsg.): Jahrbuch Agrartechnik 2014. Braunschweig: Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge, 2015. – S. 1-11

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