Beitrag in Jahrbuch 2015

Traktoren Gesamtentwicklung Traktoren

Kurzfassung:

Der Umsatz Traktoren ging 2015 weltweit zurück - auch in Deutschland. Durch die Emissionsstufe EU IV bzw. U.S. Tier 4 final ausgelöste Neuentwicklungen sind weitgehend abgeschlossen. Die auf der Agritechnica 2015 erkennbaren Schwerpunkte betreffen nunmehr CO2-Reduktion, verbesserte Fahrwerke (Regelung Allradantrieb, Ballastmanagement, teilw. Aufsteckraupen), weitere Getriebeneuheiten, verbesserte Elektronik-Handhabung und Kabinenausstattungen, Vordringen elektrischer Geräteantriebe sowie weitere Fortschritte des "Tractor-Implement-Management (TIM)" über ISOBUS. Gleichzeitig nimmt die Kommunikation über Smartphones stetig zu. Der Trend zu globalen Kooperationen und Produktionssystemen setzte sich fort.

Volltext

Gesamtentwicklung Traktoren

Hermann Knechtges, Institut für Technik, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen - Geislingen

Karl Theodor Renius, Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik, Technische Universität München

Kurzfassung

Der Umsatz Traktoren ging 2015 weltweit zurück - auch in Deutschland. Durch die Emissi-onsstufe EU IV bzw. U.S. Tier 4 final ausgelöste Neuentwicklungen sind weitgehend abge-schlossen. Die auf der Agritechnica 2015 erkennbaren Schwerpunkte betreffen nunmehr CO2-Reduktion, verbesserte Fahrwerke (Regelung Allradantrieb, Ballastmanagement, teilw. Aufsteckraupen), weitere Getriebeneuheiten, verbesserte Elektronik-Handhabung und Kabi-nenausstattungen, Vordringen elektrischer Geräteantriebe sowie weitere Fortschritte des "Tractor-Implement-Management (TIM)" über ISOBUS. Gleichzeitig nimmt die Kommunikati-on über Smartphones stetig zu. Der Trend zu globalen Kooperationen und Produktionssys-temen setzte sich fort.

Schlüsselwörter

Traktor, Schlepper, Traktormarkt, Traktorentwicklung, Fahrwerke, Automatisierung, ISOBUS

Agricultural Tractor Development

Hermann Knechtges, University of applied Sciences, Nürtingen - Geislingen

Karl Theodor Renius, Chair of Automotive Engineering, Technische Universität München

Abstract

Tractor sales have been depressed 2015 worldwide - also in Germany. Technical devel-opments meeting emission levels EU IV respectively Tier 4 final are widely completed. The focus at Agritechnica 2015 has been moved now more to CO2 reduction, improved traction systems (4WD control, ballast management, some single tracks), further transmission innovations, improved electronic interfaces and cab comfort, progress in electric implement drives and further steps forward of tractor-implement management (TIM) via ISOBUS. At the same time the trend of using smart phones for communication systems has been intensified. The trend of global co-operations and production systems is going on as well.

Keywords

Tractor, tractor market, tractor development, traction systems, automation, ISOBUS

Marktsituation

Der Umsatz deutscher Traktorenhersteller (ohne Claas) ging 2015 nochmals weiter zurück (nach 3,5 Mrd. € in 2014) [1; 2].

Der deutsche Traktorenmarkt hatte sich von dem Rekordniveau im Jahre 2013 (36.248 Neu-zulassungen) in 2014 auf 34.611 Einheiten abgeschwächt – allerdings auf sehr hohem Ni-veau, Tafel 1 (für 2015 noch nicht alle Zahlen verfügbar). Die Neuzulassungen fielen in 2015 nochmals etwas ab auf 32.220 Einheiten (-6,9 %).

Die Marktanteile von John Deere und AGCO (Fendt+MF+Valtra) haben sich wenig verän-dert, Tafel 2. Relativ verbessern konnten sich vor allem Claas, Deutz-Fahr und Kubota. CNH fiel nach einem sehr guten Vorjahr in 2015 etwas ab.

Tafel 1: Traktorengeschäft in Deutschland (Stückzahlen), ohne Geländefahrzeuge [1]

Table 1: Tractor business in Germany (units), without terrain vehicles [1]

Jahr/Year 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

Produktion/

Production 59236 54590 58623 60732 65507 46432 50865 60551 59213 63599 51349

Neuzulassungen/

Newly registered 22110 23492 29015 28451 31250 29464 28587 35977 36264 36248 34611

Exporte/

Exports 50206 44601 46372 49931 54235 36758 40769 47886 46301 49772 40056

Besitzumschreib./

Changing owner 73954 74715 77211 84601 86719 87175 93084 96.597 95005 99468 102272

Tafel 2: Marktanteile der größeren Anbieter bei den Traktoren-Neuzulassungen in Deutschland in % der Gesamtzulassungen [1].

Table 2: Market shares of the major tractor suppliers in Germany in % of total registrations in units [1].

Jahr/Year 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

John Deere 22,2 21,1 21,2 20,7 19,8 19,8 19,3 19,7 20,9 20,9 21,3 19,4 19,5

Fendt 17,9 17,4 16,8 16,0 17,1 17,2 17,2 16,5 15,9 16,5 17,3 17,1 17,0

Case IH+Steyr 11,7 10,8 8,8 9,1 9,4 10,0 9,6 9,1 8,0 10,1 7,7 10,0 7,7

Deutz-Fahr 9,1 9,7 10,1 10,7 11,5 11,5 10,6 10,8 10,8 10,9 10,5 9,6 10,0

Claas - 4,5 5,9 5,5 6,8 6,6 7,8 7,3 8,2 6,8 8,0 7,7 8,3

New Holland 7,1 6,1 5,1 6,0 5,6 5,7 5,8 6,7 5,7 6,7 7,0 8,0 7,3

MF 4,5 4,0 4,2 4,4 4,5 4,5 4,0 3,7 4,1 5,0 4,2 4,3 3,8

Same 3,3 2,9 3,0 3,2 2,9 3,2 3,0 2,5 2,3 2,3 1,9 1,8 1,4

Kubota 2,2 3,1 3,0 3,3 3,2 2,8 3,3 4,5 5,2 3,7 5,0 5,0 6,0

Iseki 2,4 2,4 2,9 3,0 2,8 2,5 2,6 3,5 3,1 2,8 2,8 2,5 2,9

Valtra 2,1 2,0 2,0 1,9 1,9 1,9 1,8 1,5 1,9 2,1 2,1 2,0 2,4

Merc.-Benz 2,0 1,7 1,9 2,1 1,5 1,5 1,7 1,5 1,5 1,3 1,4 1,2 1,2

Der globale Landtechnik-Jahresumsatz sank nach VDMA-Schätzungen [2] von 103 Mrd. € (2013) über 101 Mrd. € (2104) auf 91 Mrd. € (2015), davon Traktoren etwa 40 %. Die Rück-gänge beruhen teilweise auf global wieder gefallenen Erzeugerpreisen. Langfristig besteht weltweit anhaltender Bedarf an Agrartechnik, und zwar nicht nur für die Produktion von Nah-rungsmitteln, Rohstoffen und Energie, sondern in vielen Ländern auch als dringende strate-gische Notwendigkeit, um Arbeitskräfte für andere Bereiche der Volkswirtschaft frei zu be-kommen [3]. Auch wenn sich in China das Wachstum derzeit abschwächt, zeigte die volks-wirtschaftliche Entwicklung längere Zeit große Fortschritte, größer als z. B. in Indien [3].

Der Umsatzanteil deutscher Landtechnik-Produktion am EU-Markt beträgt nach [2] 27 %, weltweit 8 %. Nach Zahlen der italienischen FederUnacoma ist die global produzierte Trak-torstückzahl (ohne Kleintraktoren) bis 2013 kontinuierlich auf 2,2 Mio. gestiegen [4], in 2014 aber um 3 % gesunken. Indien und China produzieren allein etwa 50 % der Gesamtstückzahl – bei allerdings sehr viel geringerem Wertanteil (mäßige Leistungen, einfache Technik, nied-riges Komfort- und Vorschriftenniveau, niedrige Arbeitskosten). Der Markt in Indien brach 2014 ein, China konnte dagegen noch leicht zulegen, ebenso die Türkei [2]. Fachleute er-warten für 2015 insgesamt weitere Rückgänge.

Übersichten, Entwicklungsgrundlagen, Trends, Visionen

Die Welt-Leitmesse "Agritechnica" fand vom 10.-14.11.2015 in Hannover statt - unmittelbar davor die Tagung "Land.technik AgEng 2015" am 6. und 7.11.2015. Letztere kann inzwischen als international bedeutendste Konferenz für agrartechnische und konstruktive Grundlagen sowie praktische Maschinenentwicklungen gelten. Kurz zuvor erschien wieder die traditionelle ATZ-Übersicht über die Gesamtentwicklung Traktoren [5]. Was nach dem Kraftakt der enormen Emissionsreduzierungen zukünftig zu erwarten ist, wurde in [6] skizziert. Die weitere Verringerung der CO2-Emissionen für ganze Arbeitsprozesse ist ein klares Ziel. Aus Feldversuchen mit verschiedenen Reifen wurde in [7] erneut die Regel bestätigt, dass Trieb-kraftbeiwerte (Radzugkraft/Radlast) um 0,3 bis 0,4 die besten Wirkungsgrade ermöglichen. Um die Fahrwerksverluste vor allem bei großen, spezifisch leichten Traktoren auf dem Acker zu verringern, werden zunehmend Einzel-Bandlaufwerke angeboten. Diese Lösung benötigt sowohl bei Achsschenkel- als auch bei Knicklenkung im Gegensatz zu vollen Bandlaufwer-ken kein neues Lenkkonzept und kommt mit geringeren Getriebeanpassungen aus.

Um den Aufwand für praxisnahe Vergleiche des Kraftstoffverbrauchs (etwa mit dem DLG PowerMix) zu verringern, wurden zwei sehr große Rollenprüfstände (für 2 Achsen) fertig ge-stellt: Einer beim DLG Testzentrum in Groß Umstadt [8] und einer bei Fendt [9].

Zukünftig wird zusätzlich zum Feldverbrauch wahrscheinlich der Straßenverbrauch bei Transporten eine größere Rolle spielen. Nach [10] beträgt er für einen 25 t-Zug und etwa 35 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit für übliche Traktorbereifung um 50 bis 60 l Diesel auf 100 km. Eine komplette Umrüstung auf MPT-Reifen bietet nach [11] Senkungspotenzial.

Die DLG hat den PowerMix um folgenden Transportzyklus ergänzt: 50 % Steigungsfahrt, 40 % Fahrt in der Ebene und 10 % Leerlaufanteil, gezogene Masse proportional zur Nenn-leistung. Für sehr große Traktoren und Zuglasten ergeben sich z. B. Verbrauchswerte von ca. 80 bis 90 l/100km [12; 13].

Während viele Traktorfirmen in den 1970er Jahren versuchten, wichtige Komponenten wie etwa Getriebe, Treibachsen, Kabinen, oder auch Motoren von Zulieferern in Eigenproduktion zu übernehmen, findet man diese Strategie heute nur bei den ganz großen Unternehmen. Mittlere, kleinere und insbesondere Neueinsteiger vertrauen auf den Zukauf von bewährten Kernkomponenten - insbesondere bei Motoren und Getrieben. Dieser Trend hat z. B. der Firma ZF eine bemerkenswerte Reihe neuer, internationaler Getriebekunden eingebracht. Gleiches gilt für die großen Motorenlieferanten. Die so inzwischen weltweite "Komponenten-Verflechtung" wird in [14] grafisch dargestellt, Vernetzungen zum Gesamtprodukt Traktor wurden im letzten Bericht behandelt [15]. Plattformprinzip, Baukastensysteme und Koopera-tionen bleiben langfristige strategische Ziele mit vielen erkennbaren Fortschritten. So bietet z. B. CNH neuerdings einen kleinen, einfachen Traktor (Serie DT) aus der Kooperation (Mehrheitsbeteilung) mit einem türkischen Hersteller an.

Der Trend zu hoch komplexen mechatronischen Systemen unter Einbeziehung der Geräte setzt sich in den Industrieländern fort. Weitere Leistungssteigerungen können die Produkti-onskosten senken und gleichzeitig in Verbindung mit elektronischen Assistenten [16] und au-tomatisierten Prozessen der „präzisen Landwirtschaft“ [17] auch die spezifischen CO2-Emissionen senken (etwa je t erzeugten Produktes). Ebenso sinken übrigens die leistungs-bezogenen Wartungs- und Reparaturkosten mit steigender Traktorgröße [18].

Die Umfeldüberwachung und -erkennung auf der Basis von 2D-LiDAR Scannern, 3D-Time of Flight Kameras und 3D digitalen Bildverarbeitungssystemen gewinnt an Bedeutung [19]. Fendt und John Deere stellten auf der Agritechnica Kamerasysteme vor, die dem Fahrer das eigene Fahrzeug aus der Vogelperspektive auf dem Traktorterminal zeigen, wobei John Deere dem Fahrer auch die Möglichkeit bietet, sich in eine Perspektive z. B. seitlich des Fahrzeuges zu begeben und das eigene Fahrzeug von dort aus dreidimensional zu betrach-ten. Deutz Fahr integriert in die Umfeldüberwachung eine automatische Personenerkennung. Die EXPO 2015 in Mailand hatte die zukünftige Welternährung als Leitthema. In einer dort vorgetragenen Vision "Farm der Zukunft" [20] werden für 2050 als Mittelwert mehrerer Schätzungen 9,7 Mrd. Menschen erwartet. Die Studie aus dem Hause CNH sieht neben der Technik und Vernetzung zukünftig bedeutende Schwerpunkte in Kooperation und Ausbildung sowie auch in der Reduzierung der Nahrungsmittelverluste einschließlich der sehr hohen "Wegwerfverluste". Größere Erfolge auf diesem Gebiet könnten helfen, den notwendigen Zuwachs landwirtschaftlicher Produktion bis 2050 auf 50 % zu begrenzen (andere Prognosen sprechen z. B. von 80 %).

Traktorentechnik nach Herstellern

John Deere stellte auf der SIMA 2015 das vollautomatische Kuppelsystem AutoConnect vor. Der Fahrer führt den Traktor bis auf weniger als 10 m in Linie rückwärts an das Gerät, von da an erfolgt die weitere Annäherung automatisch über Kameras. In der richtigen Position hebt der Kraftheber die geräteseitige Interfaceplatte zuerst an und zieht sie dann an sich heran, so dass Zapfwelle, Hydraulikleitungen, Elektrik und ISOBUS ohne weitere Traktorbewegung in einem Zug gekuppelt werden.

Mit einem Zapfwellengenerator „Smart Power Generator“ stellt John Deere eine elektrische Leistung von bis zu 100 kW zur Verfügung, die z.B. für eine elektrische Triebachse genutzt werden kann. Dabei bestimmt das Traktorsteuergerät abhängig vom Lastzustand des Ge-samtgespanns die an die Triebachse abgegebene elektrische Leistung. Für die elektronische Parallelführung der Frontlader der 6R Traktoren berücksichtigt John Deere auch die mit ei-nem Gyroskop gemessene Neigung des Traktorrumpfes. Zusätzlichen Weg- und Druck-sensoren in Hub- und Kippzylindern ermöglichen eine dynamische Verwiegung des Lade-gutes ohne zusätzliche Kalibrierung bei einem Werkzeugwechsel. Die Modelle 6145R und 6155 haben ein Motorölwechselintervall von 750 h. Eine ausgeglichene Achslastverteilung wird mit einem 1,7 t Ballastgewicht unterhalb des Traktorrumpfes erzielt (EZ-Ballast). Die Aufnahme des Ballastes erfolgt über einen Fanghaken mit hydraulischer Hebevorrichtung und mechanischer Verriegelung.

Basierend auf den Signalen des Lastzustandes in der Allradkupplung, des Radschlupfes und der Fahrgeschwindigkeit schaltet John Deere den Allradantrieb automatisch an und ab.

Bild 1: John Deere 9RX mit Einzel-Bandlaufwerken

Figure 1: John Deere 9RX with fours single tracks

Die neuen Knicklenkermodelle 9RX (346 bis 456 kW ISO) haben 4 Bandlaufwerke, wodurch bei großer Aufstandsfläche die Gesamtfahrzeugbreite unterhalb von 3 m bleibt. Die Vorder-achse der Radmodelle 9R ist gefedert.

AGCO-Fendt stellte auf der SIMA 2015 den neuen Großtraktor Fendt 1000 (280 bis 369 kW ECE R24) vor, Produktion Ende 2015. [21; 22]. Die niedrige Motornenndrehzahl (1700/min) sorgt auch für reduzierte Verluste im einstufigen leistungsverzweigten Getriebe, das den hydraulischen Leistungsanteil über den zweiten Hydromotor direkt auf den Vorderachsantrieb abgibt und so die Voreilung der Vorderachse bedarfsgerecht einstellt (Kap. 3.2). Trotz Breitreifen der Dimension 710/70R38 vorne und 900/65 R 46 hinten (Durchmesser ca. 2,30 m) wird die Fahrzeugbreite unterhalb 3 m gehalten. Die integrierte Reifendruckverstel-lung erlaubt mit dem "GripAssistant" [16] die automatische Anpassung des Reifeninnendrucks an den Lastzustand sowie die Vorgabe der sich daraus ergebenden optimalen Ar-beitsgeschwindigkeit. Umgekehrt wird nach Festlegung der angestrebten Arbeitsgeschwin-digkeit die optimale Ballastierung abhängig von Bodenzustand und Gerät vorgegeben.

Bild 2: Fendt 1000 Vario

Figure 2: Fendt 1000 Vario

Aus dem Hause Fendt referierte man in [21] zur Entwicklung der 1000er Reihe und in [22] zu deren neuem Vario-Fahrantrieb mit geregeltem Allradantrieb (siehe auch Kapitel 3.2).

In der Baureihe 900 wird ein erweitertes System zur Reifeninnendruckanpassung (Vario-Grip pro) angeboten, bei dem ein zweiter Hochdruckreifen im Inneren des Reifens als Druck-reservoir für den schnellen Füllvorgang (Druckausgleich) dient. Unabhängig von der Motor-drehzahl wird in 30 s der Reifeninnendruck von 0,8 auf 1,8 bar erhöht. Die Übertragung von Schaltenergie und -signal erfolgt berührungslos über Induktion.

DEUTZ-FAHR führte zur Agritechnica die neue Baureihe 9 TTV (204/218/232 kW ISO) mit ZF-TMT32 Stufenlosgetriebe, 60 km/h als Option mit trockenen Scheibenbremsen und 50 km/h bei Motordrehzahl 1480/min in den Markt ein. Der Schmalspurtraktor Agroplus S (60 bis 78 kW EG 97/68) hat eine Vorderachse mit Einzelradaufhängung, automatischer Wank-stabilisierung, Anti-Dive-Einrichtung und 100%iger Differenzialsperre.

CaseIH präsentierte die neue Baureihe Optum (weitgehend baugleich mit NH T7 Heavy Duty und Steyr Terrus CVT) mit 199 bzw. 221 kW ISO). Zur Verlustminimierung speist eine Ver-stellpumpe den Hydraulikkreislauf und die Servohydraulik mit Niederdruck (70 l für externe Verbraucher entnehmbar). Ähnlich wie im PKW gibt es eine Reifeninnendruckanzeige über Ventilsensoren mit Warnfunktion auch für Anhänger. Die Frontzapfwellengeschwindigkeit (1000/1000E) lässt sich vom Fahrerplatz aus einstellen. Die im letzten Bericht angesproche-nen Magnum Rowtrac-Modelle mit Bandlaufwerken (bzw. T8 SmartTrac von New Holland) haben gegenüber der Radversion eine verstärkte Hinterachse (erhöhte Belastung durch Bandlaufwerke) und eine an das kleinere Triebrad angepasster Endübersetzung.

Claas erweiterte die Baureihe AXION 800 durch das Modell Axion 870 mit 195 kW ISO. Von dem 2013 vorgestellten eigenen Stufenlosgetriebe EQ200 wurden bisher 2000 Einheiten produziert.

AGCO-Massey Ferguson behält in der TIER 4 final Version der Baureihe 5700 SL (74 bis 96 kW ISO) ein Modell mit abgesenkter Motorhaube. Die Kabinen der Modellreihe 7700 wer-den mechanisch gefedert, jedoch wird die Dämpfung anhand des Signals dreier Beschleuni-gungssensoren und eines Gyroskopen elektronisch anpasst (semiaktives CDC-System von ZF).

AGCO Valtra zeigte zur AGRITECHNICA erstmals die Reihe N4 (85-136 kW ISO), die kom-plett neu entwickelt wurde. Die kompakten Traktoren haben 4,4 bzw. 4,9 l-Vierzylinder-Motoren von AgcoPower. Das Topmodell N174 erreicht eine geboostete Maximalleistung von 136 kW (Mmax 730 Nm) und ist damit laut Valtra der stärkste Vierzylinder-Traktor der Welt.

Kubota startete im September die Produktion der Modellreihe M7001 (96 bis 125 kW ISO) im nordfranzösischen Dunkerque mit 4-stufiger Lastschaltung oder Stufenlosgetriebe von ZF. Auf der Agritechnica wurde ein leistungsverzweigtes Getriebe mit 3 Fahrbereichen der Leis-tungsklasse von 22 bis 44 kW gezeigt.

Argo (McCormick) zeigte zur Agritechnica die Serie X8 (194/210/228 kW ISO) mit Motoren von FTP und ZF TMT 32 Stufenlosgetriebe.

ArmaTrac aus der Türkei stellt auf der Agritechnica Traktoren der Abgasstufe 3a/3b in der Leistungsklasse bis 81 kW vor, teils mit Motoren von Deutz und Getrieben von ZF.

Neben anderen asiatischen Traktorherstellern sind jetzt verstärkt auch chinesische Unter-nehmen auf dem europäischen Markt präsent. Die Firma Foton Lovol ist mit einem Produkti-onsvolumen von jährlich ca. 100.000 Einheiten Marktführer in China, hat den italienischen Traktorhersteller Goldoni übernommen und präsentierte auf der Agritechnica die Serie 5000 (75 bis 100 kW max. ISO) unter dem Markennamen Arbos. Das einfache 2x5-Gang Getriebe (Kriechganggruppe optional) kann durch eine 2- oder 3-stufige Lastschaltung erweitert wer-den. Größere Modelle wurden als Prototypen gezeigt.

Besondere Bauarten

JCB führte die neue Baureihe 4000 (119/141/162 kW ISO) mit Motor und Getriebe von AGCO in den Markt ein. Der an Vorder- und Hinterachse gefederte und gelenkte Systemtrak-tor hat 4 gleich große Räder, 60 km/h bei 1600/min.

Beim Pm Trac 2380 4f von Pflanzelt (113 u. 174 kW ISO) ist die Kabine gegenüber einem Standardtraktor weiter nach vorne angeordnet, wodurch sich ein Aufbauraum z.B. für einen Forstkran ergibt. Die multifunktionale Nutzung in der Landwirtschaft bleibt bei dem für den Forsteinsatz optimierten Fahrzeug erhalten.

Ein niederländisches Konsortium stellte mit dem Prototyp "Multi Tool Trac" einen weiteren Traktor mit Diesel-elektrischem Antrieb (und 30 kWh-Batterie) vor [23] - mit STW-Einheiten ohne schaltbare mechanische Zusatzstufen. Der Mehrpreis gegenüber dem Marktniveau soll sich u. a. durch neue Funktionalitäten und geringere Kraftstoffverbräuche amortisieren. Ob das wirklich realistisch ist, muss sich noch zeigen.

Traktor und Gerät

Die weitere Entwicklung drückt sich in drei Schwerpunkten aus:

• Reduzierung der CO2-Emissionen für ganze Prozesse

• Alternative Antriebe, insbesondere elektrisch

• Automatisierung und Kommunikation.

Für einen Liter Dieselkraftstoff wurde in [24] ein CO2-Äquivalent von etwa 2,7 kg gemessen. Praktische CO2-Emissionen sollten am besten auf den gesamten Arbeitsprozess bezogen werden, zum Beispiel auf ein ha bearbeitete Fläche oder 1 t Erntemenge [25].

Ob es Sinn macht, Traktorgeräte über ein hydraulisches Konstantdruck-Bordsystem zu ver-sorgen, das es ja schon einmal in großen Stückzahlen bei John Deere gegeben hat, wurde in [26] umfassend für einen Schleuderstreuer untersucht. Energieeinsparungen scheitern danach daran, dass kleine Hydro-Verstellmotoren derzeit zu hohe Verluste aufweisen.

Weiter geforscht wird auch am Potenzial von Elektroantrieben, insbesondere unter Einbezie-hung der Geräte. Nach [27] werden vor allem die Mehrkosten als Hindernis gesehen.

Um diese zu reduzieren, sollten nach [28] die Potenziale sehr hoher Drehzahlen genutzt werden, z. B. bei Verwendung mehrerer Planetenstufen. Ebenso bietet sich die kurzzeitige Nutzung der bei einigen Bauarten interessanten Überlastbarkeit an. Zum dabei wichtigen dynamischen Temperaturverhalten wird in [29] ein Modell vorgestellt.

Mit einem 100 kW-Frontzapfwellengenerator stellt John Deere elektrische Energie für die elektrischen Triebachsen des Fliegl „sDrive“ zur Verfügung [30]. Das Leistungsmanagement ist komplett im Traktor implementiert und ermöglicht schlupfbasierte Fahrstrategien, die auch instabile Fahrsituationen aufgrund einer schiebenden Triebachse ausschließen. Die Kom-munikation erfolgt über den ISOBUS. Terramechanisch ist die Überwindung von Rollwider-stand durch einen Rad- oder Achsantrieb energetisch wesentlich günstiger als über die Zug-kraft des Traktors [31].

Um den wachsenden Anforderungen von Seiten der Geräte- und Traktorhersteller zu ent-sprechen, versucht die inzwischen gut etablierte AEF, den ISOBUS weiter zu entwickeln [32]. Parallel existieren proprietäre Systeme für Traktor und Gerät.

Die Firma Zuidberg steuert den Frontkraftheber mit Frontzapfwelle über eine App, die auf Smartphones oder Tabletts mit dem Betriebssystem Android installiert werden kann.

Aus dem Hause Claas wurde die interessante Entwicklung eines mit der Traktorhinterachse integrierten Sensors für Radlast, Zugkraft und Drehmoment vorgelegt [33].

Zur Frage des Bodendrucks wurde in [34] mit dem Programm Terranimo eine neue, sehr umfassende Abschätzungsmethode vorgelegt, die auf den klassischen Grundlagen der Bo-denmechanik aufbaut und erneut den Nutzen verringerter Luftdrücke für die oberen Boden-schichten aufzeigt.

Zusammenfassung

Der Umsatz Traktoren ging 2015 weltweit und ebenso in Deutschland zurück. Die Neuent-wicklungen zur Erfüllung der Emissionsstufen EU IV bzw. U.S. Tier 4 sind weitgehend abge-schlossen. Auf der Agritechnica 2015 verschoben sich die erkennbaren Schwerpunkte etwas in folgende Richtungen: CO2-Reduktion ganzer Prozesse, verbesserte Fahrwerke (z. T. Ein-zelbandlaufwerke), gezieltere Ballastierungen (teilweise mit elektronischen "Assistenten"), weitere Getriebeneuheiten (erstmalig auch mit geregeltem Allradantrieb), Vordringen elektri-scher Geräteantriebe, verbesserte Elektronik-Handhabung und Kabinenausstattung sowie weitere Fortschritte des "Tractor-Implement-Management (TIM)" über den ISOBUS. Gleich-zeitig nimmt die Kommunikation über Smartphones stetig zu. Der Trend zu globalen Firmen-Kooperationen und Produktionssystemen setzte sich fort.

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Bibliografische Angaben / Bibliographic Information

Empfohlene Zitierweise / Recommended Form of Citation

Knechtges, Hermann; Renius, Karl Theodor: Gesamtentwicklung Traktoren. In: Frerichs, Ludger (Hrsg.): Jahrbuch Agrartechnik 2015. Braunschweig: Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge, 2016. S. 1-12

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Schlagworte:
ISOBUS, Traktor, Fahrwerk, Automatisierung, Traktormarkt, Traktorenentwicklung
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Empfohlene Zitierweise:
Knechtges, Hermann; Renius, Karl Theodor: Gesamtentwicklung Traktoren. In: Frerichs, Ludger (Hrsg.): Jahrbuch Agrartechnik 2015. Braunschweig: Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge, 2016. – S. 1-12

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