Article in yearbook 2025

History 170 years of Suderburg Meadow Irrigation School and the im-portance of meadow irrigation

Abstract:

Until the widespread introduction of artificial fertilisers in agriculture, the fertility of the soil could essentially be maintained by fertilising with animal manure. Meadow cultivation, with the aim of increasing hay yields to feed animals in winter, was therefore of great importance. Around 1819, a meadow irrigation farmer from Suderburg optimised meadow irrigation using a ridge system for the sandy soils of the Lüneburg Heath, which gave rise to the ‘Suderburg ridge system’. As a quality assurance measure, the Suderburg Meadow irrigation Farmers' Initiative established the Suderburg Meadow irrigation School, initially as a private educational institution, later as a Prussian meadow farming school and today part of the Ostfalia University of Applied Sciences.

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Long version

Entstehung der Wiesenbauschule in Suderburg

 

„1819 baute (Johann Jürgen Christoph) Hillmer für den Amtsvogt Helmrich eine Bewässerungswiese in Rückenbauweise, die bereits zwei Jahre später - allerdings unter ungewöhnlich milden Witterungsbedingungen - den achtfachen Heuertrag lieferte, nämlich 64 statt bisher 8 Zentner pro Morgen“ [1].

 

Damit konnten im Jahre 2019 200 Jahre Suderburger Rückenbau gefeiert werden. 2024 feierte der Campus Suderburg der Ostfalia Hochschule sein 170-jähriges Bestehen. Zur Agrartechnik und damit auch zum Wiesenbau gehört immer die Anwendung der Technik und damit verbunden die Wissensvermittlung. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland verschiedene Formen landwirtschaftlicher Schulen, basierend auf Arbeiten von Albrecht Daniel Thaer (1752-1828), häufig zunächst als Winterschulen, wenn die Arbeit auf den Feldern ruhte. Die schulische und daran anschließend die berufliche Bildung stellte in den ländlichen Regionen eine Herausforderung dar, denn die Zahl an Kindern und Jugendlichen in einem Jahrgang war geringer, die Entfernungen größer. Im Bereich der beruflichen Bildung nahm der Umfang des Wissens durch die steigende Technisierung soweit zu, dass dieses nicht mehr nur im Beruf selbst vermittelt werden konnte, sondern dass zusätzlich eine übergreifende theoretische Ausbildung erforderlich wurde. Viele dieser landwirtschaftlichen Schulen wurden schließlich in den 1950er Jahren geschlossen, da sie durch mehr Mobilität und eine neu strukturiere berufliche Bildung in ihrer alten Form nicht mehr benötigt wurden.

Der vorliegende Beitrag geht im ersten Teil auf die Entstehung und Entwicklung der Wiesenbauschule in Suderburg als Beispiel einer landwirtschaftlich-technischen Schule ein. Er zeigt, welche Herausforderungen mit der Gründung und dem Betrieb einer solchen Schule im ländlichen Raum verbunden waren. Der Beitrag gibt einen Einblick in die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte, die mit einer solchen Schule, aber auch dem Wiesenbau verbunden sind. Der Beitrag beleuchtet die Situation in Suderburg. An anderen landwirtschaftlichen Schulen hat es ähnliche Entwicklungen gegeben, allerdings hat der Autor dies nicht systematisch untersucht, weshalb allgemein gültige Aussagen nicht möglich sind. Im zweiten Teil des Beitrages wird die Technik des Wiesenbaus und insbesondere des Suderburger Rückenbaus näher erläutert. Es werden zudem Fotos von Schülern und Abbildungen aus Arbeiten der Schüler der Wiesenbauschule gezeigt, um einen Einblick in die Technik des Wiesenbaus zu gewähren. Zur Geschichte der Wiesenbauschule in Suderburg und zum Suderburger Rückenbau finden sich für Interessierte bei Grottian [1; 2] ausführlichere Darstellungen. Der Wiesenbau in Europa mit seinen verschiedenen Ausprägungen und den damit zusammenhängenden Vor- und Nachteilen sind ausführlich von Leibundgut und Vonderstrass [3] in einem zweibändigem Werk dargestellt worden.

Obwohl mit viel Handarbeit verbunden, fand der Suderburger Rückenbau nach seiner Entwicklung ab 1819 schnell Verbreitung, die Suderburger Wiesenbauer waren zum Teil bis Russland unterwegs, um Bewässerungswiesen in Suderburger Bauweise anzulegen. 1853 wurde zunächst in Siegen eine Wiesenbauschule gegründet, ebenso 1853 entstand eine Wiesenbauschule in Uelzen auf Initiative des „Land- und forstwirtschaftlichen Provinzialverein für das Fürstentum Lüneburg“. Beim Provinzialverein hatten Vorschläge sowohl für den Standort Suderburg, als auch für Uelzen vorgelegen, die Entscheidung fiel allerdings zu Gunsten Uelzens. Die Suderburger wiederum hielten dagegen, so dass sich 72 Wiesenbauern zusammenschlossen, einen Fonds von 300 bis 400 Reichstalern zusammenbrachten und den ehemaligen Wiesenbaumeister des Provinzialvereins Thiele-Müller zum Präsidenten einer siebenköpfigen Kommission der Wiesenbauschule Suderburg wählten. Der erste Winterkurs 1853/54 in Suderburg verzeichnete 50 Schüler, während in Uelzen nur 12 eingeschrieben waren. Der Provinzialverein unterstützte schließlich nach einiger Zeit auch die Suderburger Wiesenbauschule, und es herrschte ein Nebeneinander der beiden Schulen. In Uelzen gingen die Schülerzahlen nach einem Hoch von 23 Schülern im Winter 1858/59 wieder zurück, und die Schule wurde schließlich 1865 geschlossen.

In Suderburg lief der Unterricht zunächst nur im Winterhalbjahr, da dann auf den Feldern weniger Arbeit war, über die Jahre durchgehend weiter. Als Lehrer unterrichteten u.a. der Stationsvorsteher des Bahnhofes, Dorfschullehrer aus Suderburg und Böddenstedt, unterstützt von schon fortgeschrittenen Schülern. Unter diesen Schülern war auch August Hillmer, ein Enkel des „Erfinders“ des Suderburger Rückenbaus, der 1868 der erste Direktor der Wiesenbauschule wurde. Auch „Feuerwerker“ (Unteroffiziere) des Artillerie-Kommandos in Hannover wurden als Lehrer nach Suderburg abgeordnet. Die Gesamtschülerzahlen der ersten 75 Jahre sind in Bild 1 dargestellt, diese stiegen bis 1929 auf über 130 an [4].

Nachdem 1866 das Königreich Hannover preußische Provinz wurde, übernahm das preußische Landwirtschaftsministerium die Aufsicht über die Schule und sicherte die Zahlung der staatlichen Zuschüsse. Nachdem 1855 in Ebstorf die Georgsanstalt als erste landwirtschaftliche Fachschule im Königreich Hannover gegründet war, gab es Überlegungen zur Zusammenlegung, bzw. 1878 zur Abwerbung von August Hillmer. Nach dem Tod August Hillmers übernahm kurzzeitig sein Bruder Wilhelm Hillmer die Leitung der Schule und dann 1898 dessen Sohn Karl Hillmer. Karl Hillmer war der erste hauptamtliche Lehrer und Direktor der Schule, erreichte die staatliche Anerkennung und später die Höherstufung als „Höhere Fachschule“. Hillmer blieb bis 1935 Direktor.

Karl Hillmer ist Namensgeber der entsprechenden Straße in Suderburg, an der der Altbau der Hochschule liegt, sowie der „Karl-Hillmer-Gesellschaft“. Die Karl-Hillmer-Gesellschaft ist die Alumni-Organisation des Standortes Suderburg bzw. seit 2009 der Fakultät „Bau-Wasser-Boden“ der Ostfalia Hochschule. Seit 2009 gehört der Standort Suderburg zur Ostfalia Hochschule und hat mit der Fakultät „Handel und Soziale Arbeit“ eine zweite Fakultät, die über eine eigene Alumni-Organisation verfügt. Auf dem Suderburger Friedhof hat Karl Hillmer, gleich neben dem Eingang Ecke Holxer Straße / Hamertorfer Straße, ein Ehrengrab. Auf Bild 4 ist er im Vordergrund auf der Brücke zu sehen.


Bild 1: Entwicklung der Gesamtschülerzahlen von 1853 bis 1928 [4]

Figure 1: Development of total pupil numbers from 1853 to 1928 [4]

 

Bis 1898 hatte die Suderburger Wiesenbauschule kein eigenes Schulgebäude, der Unterricht fand in angemieteten Räumen des Soltenhofes statt. Ab 1855/56 konnten auch Räume in der Volksschule in Suderburg genutzt werden (heute genutzt von der freiwilligen Feuerwehr Suderburg). Es wurden aber auch weiterhin zusätzliche Räume angemietet, u.a. in der Gaststätte Müller, Hauptstraße 28. Das erste, 1899 eingeweihte, eigene Gebäude, war einstöckig und besaß zwei Schulräume, ein Lehrerzimmer und einen Zeichensaal. Nach Einschätzung des Autors ist von diesem Gebäude nur noch die rückseitige Außenfassade erhalten. Dieses Gebäude wurde mehrfach erweitert, aufgestockt (1905) und später mit einem West- und einem Ostflügel ergänzt. Bild 2 zeigt das Gebäude der Wiesenbauschule im Jahre 1953. 1964-66 entstand dann ein komplett neuer Gebäudekomplex an der Herbert-Meyer-Straße 7. Auch der Namensgeber dieser Straße, der promovierte Landwirt Dr. Herbert Meyer, war von 1935 bis 1959 Direktor der Wiesenbauschule.


Bild 2: Schulgebäude der Wiesenbauschule 1953 (Schülerzeichnung) [5]

Figure 2: School building of the Meadow irrigation School in 1953 (pupil's drawing) [5]

 

Ab 1905 wurde ganzjährig unterrichtet, denn dies war Teil der Auflagen, um die fünfte preußische Wiesenbauschule nach Siegen, Schleusingen, Königsberg und Bromberg, zu werden. Damit konnte ab 1906 auch in Suderburg die Abschlussprüfung als Wiesenbaumeister abgelegt werden. In Bild 1 sind bereits ab 1904 die Zahlen der Abschlussprüfungen für Kulturbautechniker und Wiesenbaumeister angegeben. An der Schule waren damals 3 hauptamtliche, sowie 5 nebenamtliche Lehrer tätig. 1907 kam der Kulturbauoberlehrer August Heitsch hinzu, unter dessen Leitung 1924 der erste Gedenkstein für die gefallenen Wiesenbauschüler gesetzt wurde. Bis 1928 war die einzige Voraussetzung für den Besuch der Wiesenbauschule die Vollendung des 15. Lebensjahres und ein Volksschulabschluss.

Auch die weitere Entwicklung der Suderburger Wiesenbauschule bietet noch eine Vielzahl an interessanten Themen. Diese werden hier jedoch nicht weiter dargestellt, da insbesondere der Wiesenbau mit der Einführung des Kunstdüngers zunehmend seine Bedeutung verlor. Im Schulunterricht bekamen daraufhin andere kulturbauliche bzw. landwirtschaftliche Themen eine stärkere Bedeutung, ebenso die Wasserwirtschaft, dies wird auch durch die sich ändernden Namen deutlich. Seit 1971 war der Standort Suderburg einer von mehreren Standorten der im Folgenden jeweils benannten Hochschule. Da der Fokus dieses Beitrages auf dem Wiesenbau und der Wiesenbauschule liegt, endet die Darstellung der Geschichte des Standortes an dieser Stelle.

Die Namen von 1854 bis heute waren:

1854 - 1930 Wiesenbauschule

1930 - 1938 Kulturbauschule (Höhere Fachschule)

1938 - 1945 Bauschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik

1945 - 1959 Niedersächsische Landesbauschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik

1959 - 1968 Staatliche Ingenieurschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik

1968 - 1971 Staatliche Ingenieurakademie für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik

1971 - 2005 Fachhochschule Nordostniedersachsen

2005 - 2009 Universität Lüneburg / Leuphana Universität Lüneburg

Seit 2009 Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

 

Der Wiesenbau

Worum ging es genau beim Wiesenbau? Was war das Besondere daran und was unterscheidet den Rückenbau von anderen Formen der Wiesenbewässerung?

Der Rückenbau als besondere Methode des Wiesenbaus war schon vor 1819 in anderen Teilen Europas, in anderen Regionen des späteren Deutschen Reiches und wahrscheinlich auch in der Lüneburger Heide bekannt. Wieviel und was genau Christoph Hillmer über den Rückenbau in anderen Regionen wusste, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Wahrscheinlich hat er von dem grundsätzlichen Prinzip erfahren und dann durch Experimentieren die für die Situation in der Lüneburger Heide angepasste Form des „Suderburger Rückenbaus“ entwickelt. Die Suderburger Rücken zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit 7 bis 12 m relativ schmal sind. Wie bei anderen Erfindungen auch hat diese Entwicklung einen längeren Zeitraum von wahrscheinlich mehreren Jahren umfasst. 1819 hat Hillmer die verschiedenen Erfahrungen in einer optimierten Weise bei der Neuanlage einer Bewässerungswiese für den Amtsvogt Helmrich umgesetzt. Auf dieser Wiese konnte, wie bereits am Anfang des Beitrages dargelegt, zwei Jahre später eine besonders gute Heuernte erzielt werden. Dadurch entstand eine große Nachfrage nach dem entsprechenden Wissen und der Wunsch, eigene Wiesen entsprechend umzugestalten bzw. umgestalten zu lassen.

Für den heutigen Betrachter stellt sich die Frage, warum dieser Aufwand beim Wiesenbau und insbesondere beim Rückenbau überhaupt betrieben wurde. Alle Arbeiten wurden in Handarbeit durchgeführt, daher wurde bei den Planungen großer Wert daraufgelegt, die Rücken im Massenausgleich anzulegen, um größere Bodenbewegungen zu vermeiden. Bild 3 zeigt eine solche Anlage mit entsprechenden Bewässerungsrücken. Hierbei handelt es sich um die Arbeit des Wiesenbauschülers P. Langhans von 1909 und es wird gezeigt, wie die älteren und breiteren Rücken in schmalere und kürzere Rücken umgebaut werden konnten. Die Zeichnung macht auch deutlich, wie die Rücken in die Landschaft eingepasst wurden.

Bis zur breiten Einführung des künstlichen Düngers in der Landwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg war der Dung von Tieren praktisch die einzige Möglichkeit, den Ackerboden zu düngen, um damit die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Gerade auf den nährstoffarmen, sandigen Böden der Lüneburger Heide war die Aufkonzentrierung der Nährstoffe eine wichtige Voraussetzung für ausreichende Erträge.


Bild 3: Ausschnitt aus dem Lageplan zum Umbau einer Demonstrationswiese im Hardautal [6]

Figure 3: Excerpt from the site plan for the conversion of a demonstration meadow in the Hardau Valley [6]

 

Wie viele Tiere (insbesondere Schafe, Kühe und Rinder) gehalten werden konnten, hing vom Ertrag der Wiesen ab. Insbesondere für den Winter wurde ausreichend Heu benötigt. Die Tiere, für die nicht genügend Winterfutter vorhanden war, wurden im Herbst geschlachtet. Im Stall konnte der Dung besonders gut gesammelt werden, um dann im nächsten Frühjahr auf die Felder gebracht zu werden. Das Graswachstum auf den Wiesen und damit der Heuertrag hingen ebenfalls von der Fruchtbarkeit des Bodens und von ausreichender Feuchtigkeit ab. Für die sandigen Böden der Lüneburger Heide stellte dies in zweierlei Hinsicht ein Problem dar, denn zum einen haben diese Böden eine geringe Bodenfruchtbarkeit und zum anderen eine geringe Wasserhaltefähigkeit. Auch wenn die Niederschläge von der Menge ausreichend sind, können die Böden diese nicht in den oberen Schichten halten, da das Wasser schnell in die tieferen Schichten sickert und damit den Pflanzen nicht mehr zur Verfügung steht. Für eine Düngung, auch der Wiesenflächen, stand in der Regel nicht genügend Tierdung zur Verfügung.


Bild 4: Blick ins Hardautal 1910 der Talgrund ist bedeckt von Bewässerungswiesen [7]

Figure 4: View of the Hardau Valley in 1910. The valley floor is covered with irrigated meadows [7]

 

Mit der künstlichen Bewässerung der Wiesen konnten beide Probleme gelöst werden. Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Formen der Wiesenbewässerung entwickelt. Als älteste Form ist sicher die „wilde Bewässerung“ anzusehen, danach kam die Hangbewässerung und schließlich der Rückenbau.

Mit der Bewässerung konnten die Wiesen mit Nährstoffen angereichert werden. Die Nährstoffe liegen entweder in gelöster Form oder in Verbindung mit den Schwebstoffen im Gewässer vor. Die Wirkung auf den Wiesen hängt vom verwendeten Wasser und den örtlichen Böden ab. In den Lehrbüchern wird die düngende Wirkung der Wiesenbewässerung immer wieder besonders hervorgehoben. Aus heutiger Sicht muss die Düngewirkung insbesondere in der Lüneburger Heide gering gewesen sein, da sich die Frage stellt, welche Nährstoffquellen überhaupt zu Verfügung standen, um die Gewässer mit Nährstoffen anzureichern. Fäkalien von Mensch und Tier wurden gesammelt und zur Düngung der Gärten und Äcker verwendet. Die Äcker selbst lagen in der Regel nicht unmittelbar an den Gewässern, hier waren meist die Wiesen zu finden, sodass auch Abträge von den Äckern eher nicht in Frage kamen. Eine düngende Wirkung durch Schwebstoffe ist insbesondere im Zuge von Hochwasserereignissen zu erwarten. Da in den sandigen Böden das Wasser schnell versickert und sich die Abflusskonzentration in der flachen Landschaft nur langsam vollzieht, sind die Hochwasser in der Lüneburger Heide nur wenig ausgeprägt. Auch eine Überflutung der Bewässerungsrücken bei Hochwasser über die Bewässerungskanäle war eher unerwünscht, da dabei die Erdkanäle leicht beschädigt werden konnten. Durch Öffnen der Stauschleusen konnte diese vermieden werden. Die düngende Wirkung wird daher, insgesamt im Vergleich zur heutigen Situation, gering, aber für die Menschen dennoch bedeutsam gewesen sein. Eine ausführliche Diskussion der Frage der Düngung durch das Bewässerungswasser findet sich bei Grottian [2].

Dafür waren wahrscheinlich die anderen positiven Wirkungen der Wiesenbewässerung bedeutsamer, als es die Wiesenbauer zur damaligen Zeit einschätzten. Im Frühjahr konnte der Boden vor Nachtfrösten geschützt und somit die Vegetationsphase früher begonnen und durch die Bewässerung im Herbst verlängert werden. Durch die Wiesenbewässerung wurden außerdem Schädlinge wie Mäuse und Maulwürfe bekämpft. Wertvolle, nährstoffreiche Wiesengräser und –kräuter wurden durch die Bewässerung gefördert, während Unkräuter unterdrückt wurden. Unerwünschte Inhaltsstoffe (etwa Gerbsäuren oder Eisenocker) wurden ausgewaschen, wodurch sich der Boden langfristig verbesserte.

Die Hauptbedeutung der Wiesenbewässerung in der Lüneburger Heide lag sicherlich in der immer wiederkehrenden Befeuchtung der Böden, insbesondere in trockenen Sommern, aber auch in der Entwässerung von staunassen Flächen. Insgesamt haben die verschiedenen positiven Auswirkungen der Wiesenbewässerung den enormen Aufwand gerechtfertigt. Der Aufwand ergab sich sowohl bei der Herstellung, als auch beim Betrieb der Anlagen. Bild 5 zeigt Wiesenbauschüler bei der Arbeit an einer hölzernen Stauschleuse. Mit diesen Stauschleusen wurde das Wasser angestaut, in die Hauptbewässerungsgräben abgeleitet und von dort ggf. über weitere Kanäle auf die Rücken verteilt. Diese Stauschleusen mussten bedient, regelmäßig gewartet und erneuert werden. Die Wasserverteilung zu den verschiedenen Bewässerungswiesen musste immer wieder umgestellt werden.

Bild 4 zeigt das Hardautal, das praktisch vollständig mit Bewässerungswiesen ausgefüllt ist. Die Erdkanäle für die Wasserverteilung und insbesondere die Kanäle auf den Rücken erforderten ständige Unterhaltungs- und Pflegearbeiten. Die Kanäle auf den Rücken mussten exakt horizontal liegen und die Kanten immer wieder nachgeschnitten werden, um eine gleichmäßige Verteilung des Wassers über den ganzen Rücken zu gewährleisten. Bei mangelnder Unterhaltung entstanden Erosionsrinnen, die sich schnell weiter vertieften, bis schließlich die Wiesenflächen nur noch teilweise überströmt wurden. Die ungleichmäßige Wasserverteilung führte schließlich zu ungleichmäßigem Graswachstum. Die Rücken waren zumindest in Suderburg weniger steil, als es in vielen Skizzen erscheint. Die Breite betrug meist zwischen 7 und 12 m, und die Höhe der Rücken lag bei etwa 0,2 bis 0,4 m. Größere Höhen vermehrten die Gefahr von Erosion und erhöhten den Aufwand bei der Herstellung, da deutlich mehr Boden bewegt werden musste. Um die Täler optimal auszunutzen und die Bodenbewegung zu minimieren, wurde ein hoher Aufwand bei der Planung der Bewässerungsanlagen betrieben.


Bild 5: Wiesenbauschüler bei der Instandsetzung einer Stauschleuse (um 1930) [7]

Figure 5: Pupils of the meadow irrigation school repairing a sluice gate (around 1930) [7]

 

Die Vermessung des ursprünglichen Geländes und die Planung eines optimierten Bewässerungssystems in Rückenbauweise war eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Wiesenbauer. Bild 6 zeigt Schüler der Suderburger Wiesenbauschule bei den Unterhaltungsarbeiten an den Bewässerungsrinnen auf der hochschuleigenen Demonstrationswiese. Dabei wurde das sogenannte Suderburger Wiesenmesser insbesondere zum Nachschneiden der Kanten verwendet. Ein solches Wiesenmesser sowie ein Dränagespaten, der für die Entwässerung eine große Bedeutung hatte, werden im Wappen der Gemeinde Suderburg gezeigt, zusammen mit dem stilisierten Turm der Kirche. Diese Darstellung der beiden Arbeitsgeräte des Wiesenbauers im Wappen der Gemeinde zeigt, welch hohe Bedeutung der Wiesenbau für die Gemeinde hatte.


Bild 6: Wiesenbauschüler bei der Instandsetzung einer Stauschleuse (um 1930) [7]

Figure 6: Pupils carrying out maintenance work on the irrigation channels (around 1930) [7]

 

Ein weiteres Werkzeug im Wiesenbau war das Wiesenbeil, das in ganz Europa verbreitet war und insbesondere zum Anlegen der Gräben bei schweren Böden und zum Zerteilen stark verwurzelter Grasnaben genutzt wurde. Bild 7 zeigt, dass die Wiesenbewässerung in Deutschland weit verbreitet war, wobei allerdings nicht nach der Art der Wiesenbewässerung unterschieden wird. In den Mittelgebirgen handelt es sich vorwiegend um verschiedene Formen der Hangbewässerung, im Flachland und in den Talauen entlang größerer Gewässer wurde im Überstau oder durch Stauberieselung bewässert, und die Rückenbewässerung war verstärkt an den kleineren Gewässern und auf den Talböden verbreitet.

Mit der breiten Einführung des Kunstdüngers in die Landwirtschaft entfiel die Abhängigkeit vom Dung der Tiere und somit die Notwendigkeit des Wiesenbaus zur Steigerung der Heuerträge. Von der Vielzahl an Anlagen sind heute nur noch wenige Relikte erhalten, die meisten Anlagen sind spätestens nach dem zweiten Weltkrieg durch Anpassung der Flächen an die Anforderungen der modernen Landwirtschaft aufgegeben worden.

 

Bild 7: Bewässerung in Deutschland Ende der 30er Jahre (Ausschnitt) [8]

Figure 7: Irrigation in Germany in the late 1930s (excerpt) [8]

 

Die verschiedenen Bewässerungsformen im Wiesenbau, ihre geschichtliche Entwicklung, die damit verbundene Infrastruktur und die in Europa noch erhaltenen Reste sind bei Leibundgut und Vonderstrass ausführlich dargestellt [3]. Dabei handelt es sich um ein zweibändiges Werk. Im ersten Band werden die verschiedensten Aspekte der traditionellen Bewässerung von den Techniken, über Vor- und Nachteile bis zu den sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen dargelegt. Im zweiten Band sind die in Europa noch vorhandenen Flächen mit traditioneller Bewässerung und Reste solcher Anlagen aufgeführt. Bei über 120 Anlagen wird ein Kulturerbe-Potenzial gesehen. 2023 wurde schließlich die traditionelle Bewässerung in Europa auf maßgebliche Initiative der beiden oben genannten Autoren von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Als traditionelle Bewässerung wird dabei die Schwerkraftbewässerung, in Verbindung mit der zur Umsetzung notwendigen Gemeinschaft der beteiligten Landwirte, verstanden. Heute bildet das Internationale Zentrum der Traditionellen Bewässerung in Europa (IZTB) die Klammer der verschiedenen lokalen Initiativen rund um die Wiesenbewässerung. In Mitteleuropa wurden bis zur Entwicklung der Beregnung, unter Einsatz von Pumpen, nur Wiesen künstlich mit Schwerkraft bewässert. Im Ackerbau war dies nicht möglich, da fließendes Wasser den Ackerboden zu sehr abgeschwemmt hätte.

Auf einigen wenigen Flächen in Nordostniedersachsen sind bei günstigen Verhältnissen die Bewässerungsrücken noch erkennbar (Bild 8). Diese Flächen sind nicht zu verwechseln mit den landwirtschaftlichen Flächen in den Marschgebieten, die durch die dichte Anordnung von Drainagegräben und den langen schmalen Grundstücken einen ähnlichen Eindruck erwecken können. Auch wenn die Wiesenbewässerung heute keine Rolle mehr spielt, ist Nordostniedersachsen die bewässerungsintensivste Region Deutschlands. Etwa 370.000 ha [9], das entspricht mehr als 45% aller bewässerten Flächen Deutschlands, liegen in Niedersachsen und innerhalb dieses Bundeslandes liegen die meisten Flächen in Nordostniedersachsen, da auf den sandigen Böden ohne zusätzliche Wassergaben keine sicheren Erträge im Ackerbau erzielt werden können. Auch dies zeigt, wie notwendig die Wiesenbewässerung in dieser Region war.

Bild 8: Noch erkennbare Reste einer Bewässerungswiese bei Suderburg (aufgenommen Röttcher 2015)

Figure 8: Still recognisable remains of an irrigated meadow near Suderburg (photographed by Röttcher in 2015)

Zusammenfassung

Die Entstehung der Wiesenbauschule in Suderburg ist eng mit der Entwicklung des Suderburger Rückenbaus, einer innovativen Methode, die 1819 erstmals von Johann Jürgen Christoph Hillmer für den Amtsvogt Helmrich realisiert wurde, verbunden. Die erste Bewässerungswiese erbrachte bereits zwei Jahre später einen achtmal so hohen Heuertrag wie die bisherigen Wiesen – 64 statt 8 Zentner pro Morgen – und löste eine landwirtschaftliche Revolution in der Lüneburger Heide aus. Aufgrund der hohen Nachfrage nach diesem Wissen und der zunehmenden Verbreitung des Rückenbaus, der auch bis nach Russland reichte, entstand 1854 die Wiesenbauschule in Suderburg. Die Schule entwickelte sich rasch: 1868 übernahm August Hillmer, Enkel des Erfinders, die Leitung und wurde erster Direktor. Unter seiner Führung und später unter seinem Bruder Wilhelm und dessen Sohn Karl Hillmer, dem ersten hauptamtlichen Direktor, entwickelte sich die Wiesenbauschule kontinuierlich weiter. Karl Hillmer, Namensgeber der Straße, an der der Altbau der heutigen Ostfalia Hochschule liegt und der Namensgeber der Karl-Hillmer-Gesellschaft, leitete die Schule bis 1935. Die Schule war die ersten Jahre in angemieteten Räumen untergebracht bzw. konnte Räume der örtlichen Volksschule nutzen, bis 1899 das erste eigene Gebäude eröffnet wurde, das später mehrfach erweitert wurde. 1964–66 entstand ein neuer Gebäudekomplex an der Herbert-Meyer-Straße, benannt nach dem langjährigen Direktor Dr. Herbert Meyer.

Die Schule veränderte ihren Namen mit der Zeit: von Wiesenbauschule (1854–1930) über Kulturbauschule und Bauschule für Wasserwirtschaft und Kulturtechnik bis hin zur Ostfalia Hochschule seit 2009. Der Wiesenbau selbst war eine Antwort auf die besonderen Bedingungen der sandigen, nährstoffarmen Böden in der Lüneburger Heide. Durch die Bewässerung konnten Bodenfeuchtigkeit, Nährstoffgehalt und Erträge gesteigert werden. Die Rücken waren schmal (7–12 m) sowie mit geringer Höhe (0,2–0,4 m), um Erosion zu vermeiden. Die Bewässerung schützte vor Frösten, bekämpfte Schädlinge, förderte wertvolle Gräser und verbesserte den Boden durch Auswaschung unerwünschter Inhaltsstoffe. Obwohl die Düngewirkung des Wassers gering war, waren die ökologischen und wirtschaftlichen Vorteile entscheidend.

Mit der Einführung des Kunstdüngers nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Wiesenbau an Bedeutung. Heute sind nur noch wenige Reste erhalten, doch die traditionelle Bewässerung in Europa wurde 2023 von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Nordostniedersachsen ist heute die bewässerungsintensivste Region Deutschlands – dies ist ein Zeugnis der historischen Notwendigkeit und Innovationskraft des Suderburger Rückenbaus und seiner Schule.

Literatur

[1]     Grottian, T.; Mennerich, A.; Meyer, D.: „Eröffn' ich Räume vielen Millionen“ – 150 Jahre Ausbildung in Suderburg ; 1854 bis 2004. Lüneburg: Fachhochschule Nordostniedersachsen 2004, ISBN: 3-9808717-0-3.

[2]     Grottian, T.: Wasser, Wiesen, Wischenmaker von Suderburg in alle Welt – Bewässerungswiesen in der Lüneburger Heide. Materialien zum Museumsbesuch, Bd. 21, Suderburg 2001, ISBN: 3-9344057-12-8.

[3]     Leibundgut, C.; Vonderstrass, I.: Traditionelle Bewässerung – ein Kulturerbe Europas. 1000. Auflage, Langenthal: Merkur Druck AG 2016, ISBN: 978-3-905817-74-4.

[4]     Landwirtschaftskammer für die Provinz Hannover: Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Wiesenbauschule Suderburg 17. Mai 1929. Hannover: Landwirtschaftskammer für die Provinz Hannover 1929.

[5]     Rinke, V.: 100 Jahre Bauschule Suderburg – Jahresarbeit. Suderburg.

[6]     Langhans, P.: Umbau einer Demonstrationswiese im Hardautale bei Suderburg – Lageplan, 09.01.1909.

[7]     KHG Sammlung Baumgarten: Dokumente, Fotos, Objekte zum Wiesenbau und zur Wiesenbauschule Suderburg. Die Sammlung Baumgarten umfasst verschiedene schriftliche Unterlagen, Fotos, Zeichnung, Schülerarbeiten und eine Reihe mit dem Wiesenbau verbundenen Objekte.

[8]     Böhm, H.: Die Wiesenbewässerung in Mitteleuropa 1937, Anmerkungen zu einer Karte von C. Troll – Zur Erinnerung an den 90. Geburtstag von Carl Troll (24.12.1899 - 21.7.1975). Erdkunde, Bd. 44, Bonn: Ferdinand Dümmlers Verlag 1990.

[9]     Bernhardt, J. J.; Stupak, N.; Neuenfeldt, S.; Potts, F.: Status quo der Bewässerung in Deutschland. Thünen Working Paper, Bd. 258, Braunschweig 2025.

Autorendaten

Prof. Dr.-Ing. Klaus Röttcher ist Leiter des Instituts für nachhaltige Bewässerung und Wasserwirtschaft im ländlichen Raum an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften am Campus Suderburg.

Recommended form of citation:
Röttcher, Klaus: 170 years of Suderburg Meadow Irrigation School and the im-portance of meadow irrigation. In: Frerichs, Ludger (Hrsg.): Jahrbuch Agrartechnik 2025. Braunschweig: TU Braunschweig / Institut für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge, 2026. – pp. 1-15

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